Ich erinnere mich noch genau, wann ich aufgehört habe, mit ChatGPT zu arbeiten.
Es war nicht ein einzelner Moment. Es war eher ein schleichendes Unbehagen, das sich über Monate aufgebaut hatte. Abgesehen von der „Pentagon-Story“. Die Antworten waren korrekt, aber irgendwie flach. Die Texte klangen generisch, egal wie viel Mühe ich mir mit dem Prompt gegeben hatte. Und je länger ein Gespräch dauerte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass das Modell vergisst, was wir eigentlich besprochen hatten.
Ich bin seit über 35 Jahren in der Kommunikationsbranche. Ich habe Werbung gemacht, als es noch keine Websites gab. Ich war Microsoft MVP, habe Artikel in US-Magazinen veröffentlicht, war Adobe-Trainer, Schulbuchverleger, und irgendwann bin ich bei der generativen KI gelandet, weil mich genau das am meisten fasziniert: Wie Sprache und Technologie zusammenwachsen.
Ich teste viel. Ich nutze verschiedene Modelle für verschiedene Aufgaben. Und ich sage dir offen: Seit ich primär mit Claude arbeite, hat sich meine tägliche Arbeit spürbar verändert. Nicht weil Claude „besser“ wäre in einem abstrakten Sinn, sondern weil es sich natürlicher anfühlt. Wie ein Gesprächspartner, der zuhört, nachfragt, und bei längeren Projekten den Faden nicht verliert.
Gleichzeitig sehe ich in meinen Beratungen immer wieder dasselbe Muster: Unternehmerinnen und Unternehmer, die Claude oder ähnliche Tools seit Monaten nutzen, aber enttäuschend wenig damit anfangen können. Nicht weil das Tool versagt, sondern weil sie nie gelernt haben, wie man es richtig anspricht.
Eine Grafikerin aus meinem letzten Workshop hat es auf den Punkt gebracht: „Ich hab das Gefühl, die KI und ich reden aneinander vorbei.“
Genau darum geht es in diesem Artikel.
Warum KI mittelmäßige Ergebnisse liefert: Garbage in, garbage out
In der Informatik gibt es einen alten Grundsatz, der nie veraltet: Garbage in, garbage out. Was du hineingibst, bestimmt, was herauskommt.
Stell dir vor, du stellst jemanden neu ein. Am ersten Arbeitstag sagst du: „Schreib mir mal einen Text über unser Unternehmen.“ Was bekommst du? Einen Standardtext. Höflich, strukturiert, nichtssagend. Dieselbe Person, wenn sie drei Monate dabei ist, deine Tonalität kennt, deine Zielgruppe versteht und weiß, was das Angebot wirklich leistet, schreibt dir etwas ganz anderes.
Mit Claude funktioniert das genauso, nur dass du die Einarbeitungszeit jedes Mal selbst übernimmst, und zwar mit deinem Prompt. Claude hat keine Erinnerung an euer letztes Gespräch. Es weiß nichts über dein Unternehmen, deine Kunden, deinen Stil. Jedes neue Gespräch beginnt bei null.
Die häufigsten Fehler im KMU-Alltag:
- Zu kurze, kontextlose Anfragen („Schreib mir eine Angebotsmail“)
- Kein Zielpublikum angegeben
- Kein Format spezifiziert
- Keine Rolle für das Modell definiert
- Kein Feedback gegeben, wenn die erste Antwort nicht passt
Das lässt sich ändern. Und zwar schnell.
Die 5 wichtigsten Prompt-Techniken für deinen KMU-Alltag
1. Kontext geben statt nur befehlen
Der häufigste Fehler: Du schreibst, was du willst, aber nicht warum, für wen und in welchem Rahmen.
Schlechter Prompt:
Schreib eine Angebotsmail für meine Dienstleistung.
Guter Prompt:
Ich bin selbstständiger IT-Berater in Wien und biete Kleinunternehmen bis 10 Mitarbeiter eine IT-Sicherheitsüberprüfung für 490 Euro an. Schreib eine professionelle, nicht aufdringliche Angebotsmail an einen potenziellen Neukunden, der mich über LinkedIn kontaktiert hat. Ton: sachlich, kompetent, kein Verkaufsdruck.
Der zweite Prompt liefert einen Text, den du tatsächlich absenden kannst. Der erste liefert einen Lückenfüller.
2. Eine Rolle zuweisen
Claude reagiert sehr stark darauf, wenn du ihm eine fachliche Identität gibst. Das nennt sich Role Prompting, und es funktioniert, weil das Modell dadurch aus einem spezifischen Wissenspool schöpft.
Schlechter Prompt:
Erkläre mir, was ich bei einer Preiserhöhung beachten muss.
Guter Prompt:
Du bist ein erfahrener Unternehmensberater mit Schwerpunkt Preispsychologie für Einzelunternehmer. Erkläre mir, worauf ich achten muss, wenn ich meine Beratungshonorare um 20 Prozent erhöhe, ohne bestehende Stammkunden zu verlieren.
Die Antwort auf den zweiten Prompt ist nicht nur länger, sie ist konkret, kontextbezogen und tatsächlich verwendbar.
3. Das Format vorschreiben
Claude gibt dir, was du verlangst, und wenn du kein Format verlangst, bekommst du irgendeins. Das kostet Zeit beim Nachbearbeiten.
Schlechter Prompt:
Schreib einen Instagram-Post über meine neue Dienstleistung.
Guter Prompt:
Schreib einen Instagram-Post über meinen neuen Workshop "KI für Handwerksbetriebe". Maximal 150 Zeichen für die erste Zeile als Hook. Dann 3 kurze Bulletpoints mit dem konkreten Nutzen. Abschluss: ein direkter Call-to-Action. Keine Emojis außer am Ende des Posts.
Das Ergebnis ist sofort einsatzbereit, statt erst mühsam formatiert werden zu müssen.
4. Iterieren statt akzeptieren
Viele EPU und KMU-Inhaber nehmen die erste Antwort und sind enttäuscht. Das ist, als würdest du beim ersten Entwurf einer Broschüre sagen „passt nicht“ und das Projekt beenden.
Einer der größten Vorteile von Claude ist, dass es Korrekturen sehr natürlich verarbeitet. Du musst keine neuen Prompts formulieren, du kannst einfach im Gespräch bleiben.
Schlechter Umgang mit dem ersten Output: Ergebnis lesen, seufzen, Tab schließen.
Guter Umgang:
Das klingt zu förmlich. Schreib den zweiten Absatz lockerer, aber immer noch professionell. Und kürze den Text auf die Hälfte.
oder:
Gut, aber der Call-to-Action fehlt. Füg am Ende einen ein, der auf meine Website verlinkt.
Prompt Engineering für KMU bedeutet nicht, den perfekten Prompt auf Anhieb zu schreiben. Es bedeutet, mit dem Modell in einen produktiven Dialog zu gehen.
5. Quellen und Wissen mitgeben
Claude halluziniert deutlich weniger als viele andere Modelle, aber auch es kennt dein Unternehmen, deine Kunden und deine Texte nicht. Gib ihm die Fakten, die es braucht.
Schlechter Prompt:
Fass den Inhalt meines letzten Blogartikels zusammen.
(Claude kennt deinen Blogartikel nicht.)
Guter Prompt:
Hier ist der Text meines letzten Blogartikels: [Text einfügen]. Fass ihn in 3 Sätzen zusammen, die ich als Teaser für meinen Newsletter verwenden kann. Ton: direkt, informativ, kein Clickbait.
Dasselbe gilt für Recherche: Gib Claude Ausgangsmaterial, lass es analysieren und zusammenfassen, statt es raten zu lassen.
Das Grundgerüst: Rolle + Aufgabe + Format + Kontext
Wenn du dir nur eine Sache aus diesem Artikel merkst, dann diese Formel. Sie ist einfach, funktioniert in nahezu jeder Situation und macht den Unterschied zwischen „naja“ und „wow, das kann ich so verwenden.“
| Element | Frage, die du beantwortest |
|---|---|
| Rolle | Wer soll Claude für diese Aufgabe sein? |
| Aufgabe | Was genau soll es tun? |
| Format | Wie soll das Ergebnis aussehen? |
| Kontext | Für wen? Warum? In welchem Rahmen? |
Beispiel aus dem Handwerker-Alltag:
Du bist ein erfahrener Texter für lokale Handwerksbetriebe. [Rolle] Schreib mir eine Google-Bewertungsanfrage per SMS. [Aufgabe] Maximal 3 Sätze, locker und persönlich, kein Corporate-Sprech. [Format] Mein Betrieb ist eine Tischlerei in Linz, wir haben gerade eine Küche für eine Familie eingebaut. [Kontext]
Das klingt nach viel Arbeit, ist es aber nicht. Mit ein bisschen Übung schreibst du solche Prompts in 30 Sekunden, und sparst dir dafür Minuten beim Nachbearbeiten.
Prompt Engineering für EPU/KMU: 3 sofort verwendbare Templates
Diese drei Templates kannst du direkt kopieren und an deine Situation anpassen. Das Muster in eckigen Klammern ersetzt du durch deine eigenen Informationen.
Template 1: Professionelle Angebotsmail
Du bist ein erfahrener Vertriebstexter für [Branche].
Schreib eine Angebotsmail an [Zielgruppe, z.B. "einen Einzelhändler,
der mich über eine Empfehlung kennt"].
Angebot: [Deine Dienstleistung / Dein Produkt, Preis optional].
Ton: [z.B. "sachlich, freundlich, kein Druck"].
Format: Betreffzeile, maximal 5 Absätze,
klarer Call-to-Action am Ende.
Template 2: Social-Media-Post mit Struktur
Du bist ein Social-Media-Texter, der auf
[LinkedIn / Instagram / Threads] spezialisiert ist.
Schreib einen Post über [Thema / Dienstleistung / Erfahrung].
Zielgruppe: [z.B. "selbstständige Handwerker in Österreich"].
Format: Hook (max. 2 Zeilen), 3 Bulletpoints, Call-to-Value.
Ton: [z.B. "direkt, ehrlich, ohne Hype"].
Maximal [Zeichenanzahl / Wortanzahl].
Template 3: Zusammenfassung mit konkreter Verwendung
Hier ist ein Text: [Text einfügen oder Inhalt beschreiben].
Fass den Inhalt in [Anzahl] Sätzen zusammen.
Die Zusammenfassung soll für
[Newsletter / Präsentation / Meeting-Protokoll] verwendet werden.
Ton: [sachlich / locker / formell].
Hebe die [z.B. "wichtigsten Handlungsempfehlungen"]
besonders hervor.
Diese Templates sind kein Allheilmittel, aber sie sind ein sofortiger Upgrade gegenüber dem, was die meisten EPU und KMUs heute tippen. Sie zwingen dich, vor dem Absenden kurz innezuhalten: Wer ist Claude gerade für mich? Was will ich genau? Wie soll es aussehen?
Mehr braucht es oft nicht.
Was dich dabei wirklich weiterbringt
Prompt Engineering für KMU ist keine akademische Disziplin. Du musst keine Kurse belegen, keine Zertifikate sammeln, keine Fachbücher lesen. Was dich weiterbringt, ist konsequente Praxis mit realen Aufgaben aus deinem eigenen Alltag.
Ich sage das nicht als Theorie. Ich sage es, weil ich selbst jeden Morgen ab halb sieben mit Claude arbeite, an Texten, an Konzepten, an Automatisierungen. Und weil ich in dieser Arbeit immer noch neue Muster entdecke, neue Formulierungen, die plötzlich besser funktionieren als alles, was ich vorher probiert habe.
Fang mit einem Prompt an, den du heute wirklich brauchst. Eine Mail, ein Post, eine Zusammenfassung. Wende das RAFC-Gerüst an: Rolle, Aufgabe, Format, Kontext. Iteriere einmal, zweimal. Sieh, was sich verändert.
Nach drei Wochen wirst du einen Unterschied merken, nicht nur in der Qualität der Outputs, sondern in der Art, wie du über Kommunikation nachdenkst.
Wer tiefer einsteigen will: Auf digitalhandwerk.rocks findest du weitere Artikel zu KI-Werkzeugen für EPU und KMU, von der richtigen Tool-Auswahl bis zu konkreten Workflows für den Büroalltag. Und wenn du lieber persönlich lernst: Ich biete Workshops und Einzelcoachings speziell für Unternehmerinnen und Unternehmer an, die keine Zeit für Trial-and-Error haben.
Die KI ist längst da. Der Prompt macht den Unterschied.