Ich sage dir mal, was mich gerade wirklich beschäftigt. Nicht das nächste große Sprachmodell. Nicht ein weiterer Chatbot mit neuem Namen. Sondern etwas, das sich in den letzten Wochen so leise aufgebaut hat, dass viele es noch nicht richtig einordnen können. Und das gleichzeitig so laut ist, dass Figma-Aktien innerhalb eines einzigen Tages um acht Prozent abstürzen.
Ich habe diese Woche Google Stitch ausprobiert. Das ist Googles neues KI-Design-Tool, frisch überarbeitet, seit Mitte März 2026 mit einem komplett neuen Canvas, Sprachsteuerung und einem Design-Agenten, der von der ersten Idee bis zum klickbaren Prototypen denkt. Ich habe beschrieben, wie sich unsere Website anfühlen soll. In welchen Farben. Mit welcher Energie. Minuten später hatte ich einen funktionierenden Entwurf vor mir. Kein Figma. Keine Wireframes. Kein Briefing-Dokument mit zwanzig Seiten Anhang.
Das klingt nach einem netten Feature. Aber das ist nur die Oberfläche. Was darunter passiert, ist viel fundamentaler.
Was Google Stitch wirklich ist, und was es nicht ist
Stitch ist ein Experiment aus den Google Labs, das einfache Text- und Bildeingaben in komplexe UI-Designs und Frontend-Code umwandelt, und das innerhalb von Minuten. Es läuft auf Gemini 2.5 Pro im Experimental Mode und auf Gemini 2.5 Flash im Standard Mode. Standard Mode gibt dir bis zu 350 Generierungen pro Monat, Experimental Mode bis zu 50, dafür mit deutlich höherer Detailtiefe und der Möglichkeit, Bilder als Input zu verwenden.
Was beim aktuellen Redesign dazugekommen ist: ein KI-nativer, unendlicher Canvas, der deinen Ideen Raum zum Wachsen gibt, von ersten Entwürfen bis zu funktionierenden Prototypen. Dazu ein Design-Agent, der den gesamten Projektverlauf im Blick behält, und Sprachsteuerung, mit der du direkt mit deinem Canvas sprechen kannst.
Google nennt den eigenen Ansatz „Vibe Design“: Statt Wireframes zu zeichnen, beschreibst du Geschäftsziele. Und der Agent generiert Designoptionen.
Das Praktische daran: Du kannst Designs mit einer „Paste to Figma“-Funktion direkt in Figma übernehmen oder als fertigen Frontend-Code exportieren. Wer also im Team noch mit klassischen Design-Workflows arbeitet, muss nicht komplett umschwenken. Der Übergang ist fließend.
Ist Stitch perfekt? Nein. Komponenten fluchten nicht immer korrekt, Farben weichen manchmal vom Branding-System ab, und komplexe Flows brauchen nach wie vor menschliche Intervention, damit sie sich kohärent anfühlen. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, was es möglich macht, und für wen.
Vibe Coding: Wo das alles angefangen hat
Um zu verstehen, warum Stitch kein Einzelereignis ist, muss ich kurz zurückgehen. Vibe Coding ist kein neuer Begriff, aber er hat in den letzten Monaten Fleisch an die Knochen bekommen. Die Idee: Du beschreibst einer KI, was du bauen willst, und sie baut es. Du bist Architekt, nicht Maurer.
Das konkreteste Beispiel, das ich kenne: Anthropic hat sein eigenes Produkt „Cowork“ mit Claude Code in zehn Tagen entwickelt. Per Sprachbeschreibung. Kein traditionelles Entwicklungsteam, das Monate an Anforderungsdokumenten arbeitet. Kein Sprint-Planning über vier Ebenen. Zehn Tage.
Ich mache das in meiner eigenen Arbeit seit Wochen. Meine n8n-Automations, die KI-gestützten Workflows für Kunden, Teile meiner Website-Entwicklung: vieles davon entsteht mit Claude als Co-Entwickler. Ich beschreibe, was ich will. Ich überprüfe, was zurückkommt. Ich sage, was nicht stimmt. Ich entscheide, was bleibt.
Das ist kein Vibe-Coding im Sinne von „ich tippe etwas und warte entspannt“. Das ist konzentrierte Arbeit. Aber die Arbeit hat sich verschoben.
Und jetzt kommt der Teil, der die meisten überrascht
Vibe Coding war der Anfang. Was jetzt passiert, ist die Ausweitung auf jede Disziplin, die mit Produktion zu tun hat. Drei Bereiche, die ich konkret beobachte:
Vibe Coding bedeutet, dass Software nicht mehr durch das Schreiben von Code entsteht, sondern durch das Beschreiben von Absichten. Claude Code, Cursor, Lovable. Der Entwickler wird zum Reviewer, nicht zum Tipper.
Vibe Design bedeutet, dass Oberflächen nicht mehr durch das Zeichnen von Linien entstehen, sondern durch das Beschreiben von Gefühlen und Zielen. Google Stitch ist das aktuell sichtbarste Beispiel. Aber die direkte Integration mit Google AI Studio verkürzt den Weg von der Designidee zum funktionierenden Prototypen auf einen Schritt, der früher Tage gedauert hat.
Vibe Marketing bedeutet, dass Content, Kampagnen und Kommunikation nicht mehr durch große Teams entstehen, sondern durch einen einzigen Menschen mit dem richtigen Prompt-Know-how. Ein Marketer mit KI ersetzt heute ganze Abteilungen, nicht weil die Menschen schlechter werden, sondern weil die Tools besser werden.
Das ist Vibe Everything. Und wir stehen gerade mittendrin.
Die eigentliche Frage: Wer profitiert wirklich?
Hier ist, was ich beobachte: Alle haben diese Tools. Jeder kann Google Stitch öffnen, ein paar Sätze eingeben und etwas zurückbekommen. Stitch ist kostenlos, erfordert nur ein Google-Konto und ist vollständig webbasiert. Die Einstiegshürde ist nahe null.
Was dann passiert, ist interessant. Wenn alle dasselbe Tool haben, was trennt dann gute Ergebnisse von mittelmäßigen?
Ich habe die Antwort in meiner eigenen Arbeit gefunden, und sie ist simpler als ich erwartet hätte: Geschmack. Urteilsvermögen. Die Fähigkeit zu erkennen, welches der hundert möglichen Ergebnisse wirklich funktioniert.
Das ist nicht trivial. Es ist das Schwierigste, was es gibt.
Wenn Google Stitch mir fünf Designvarianten für eine Landing Page generiert, brauche ich jemanden, der sofort sagt: diese hier spricht meine Zielgruppe an, diese drei sind technisch korrekt aber emotional leer, und diese fünfte ist nah dran, wenn wir die Farbgebung und die Hierarchie anpassen. Das ist kein Tool-Wissen. Das ist Erfahrung. Das ist Gespür. Das ist, was ich mir in 35 Jahren Kommunikationsarbeit erarbeitet habe.
Taste is the new code. Das klingt nach einem LinkedIn-Aphorismus, ist aber eine echte strategische Verschiebung.
Vom Handwerker zum Kurator: Was das bedeutet
Ich wähle diese Worte bewusst. Der Begriff „Handwerker“ ist für mich kein Schimpfwort (sonst hätte ich diese Seite wohl kaum „digitalhandwerk“ genannt. Ich bin selbst Handwerker. Ich habe Photoshop gelernt, als es noch nicht selbstverständlich war. Ich habe gelernt, wie man Schriften setzt, wie man Layouts baut und strukturiert. Das war Handwerk, und ich bin stolz darauf.
Aber der Handwerker war immer der, der wusste, wie man ein Tool bedient. Der Kurator ist der, der weiß, was ein gutes Ergebnis ausmacht. Das sind verwandte, aber nicht identische Fähigkeiten.
Früher war der Flaschenhals die Produktion. Nicht jeder konnte ein professionelles Design erstellen, weil nicht jeder die technischen Skills dafür hatte. Das schuf Zugangsbeschränkungen, die Profis schützten und Laien draußen hielten.
Dieser Flaschenhals löst sich gerade auf. Wenn jeder mit drei Sätzen einen professionell aussehenden UI-Entwurf generieren kann, ist das technische Können kein Wettbewerbsvorteil mehr.
Was bleibt? Die Entscheidung. Das Urteil. Das Neinsagen.
In einer Welt von Vibe Design ist deine wichtigste Fähigkeit nicht mehr das Zeichnen von Linien, sondern das Erkennen, welche Linie nicht stimmt. Das klingt wie weniger Arbeit. Es ist tatsächlich mehr Verantwortung.
Der neue Flaschenhals: Entscheidung statt Produktion
Ich habe letzte Woche mit einem EPU-Kunden gesprochen. Er sagte mir, er brauche eine neue Website. Früher hätte dieses Gespräch bedeutet: Briefing-Termin, Designvorschläge in vier Wochen, Feedback-Runde, Anpassungen, Launch in drei Monaten.
Wir haben das Gespräch geführt. Ich habe während des Gesprächs erste Designideen in Stitch skizziert. Er hat sie am selben Tag gesehen. Wir haben diskutiert, was funktioniert und was nicht. Der Kreativprozess hat sich von einer linearen Abfolge zu einem Gespräch entwickelt.
Der Flaschenhals ist nicht mehr „Wie lange dauert es, das umzusetzen?“. Der Flaschenhals ist jetzt: „Wer trifft die richtigen Entscheidungen, und wie schnell?“
Das hat konkrete Auswirkungen auf jedes Business, das mit Kommunikation, Design oder Content arbeitet, also auf praktisch jedes Business.
Das ist intent-driven design, genauso wie intent-driven development: Du schreibst auf, was du willst, nicht wie es gebaut werden soll. Die Konsequenz ist, dass Menschen, die immer nur wussten „wie“, ohne das „was“ zu verstehen, jetzt ein Problem haben. Und Menschen, die immer schon wussten „was“, ohne das „wie“ beherrschen zu müssen, jetzt plötzlich autonom arbeiten können.
Das ist eine der tiefgreifendsten Verschiebungen, die ich in 35 Jahren Branchenarbeit beobachtet habe.
Was das konkret für KMUs und EPUs bedeutet
Lass mich ehrlich sein: Für kleine Unternehmen und Einzelunternehmer ist das eine außergewöhnliche Chance. Nicht morgen. Jetzt.
Ich mache das selbst. Ich bin KG-Geschäftsführer in Salzburg. Ich habe keinen Designer im Team, keinen Entwickler auf Vollzeit, kein Content-Team mit zehn Leuten. Was ich habe: Urteilsvermögen, das ich mir über Jahrzehnte erarbeitet habe. Und Tools wie Stitch, Claude, Midjourney und n8n, die dieses Urteilsvermögen in Ergebnisse verwandeln, die früher das Fünf- bis Zehnfache an Ressourcen erfordert hätten.
Das bedeutet aber auch: Wer jetzt nicht lernt, diese Tools zu bedienen und vor allem zu beurteilen, wer nicht versteht, was ein gutes Ergebnis ausmacht, wird nicht einfach langsamer. Er wird irrelevant.
Das ist keine Panikmache. Das ist eine Beobachtung aus der Praxis.
Wenn du heute eine Designidee hast, egal ob als Text, Skizze oder Code, kannst du sie direkt in den Canvas bringen und entwickeln lassen. Der Gedanke „Ich habe keine Ressourcen für ein gutes Design“ zieht als Ausrede nicht mehr. Die Ressource ist dein Urteilsvermögen. Die Frage ist, ob du es trainierst.
Leadership wird wichtiger als Handwerk
Das ist der Teil, den viele noch nicht auf dem Schirm haben. Vibe Everything bedeutet nicht, dass Fachwissen irrelevant wird. Es bedeutet, dass eine bestimmte Art von Fachwissen, nämlich das prozedurale, das ausführende, das rein technische, an Wert verliert. Gleichzeitig steigt der Wert von Urteilsvermögen, Kontextwissen und der Fähigkeit, gute Entscheidungen schnell zu treffen.
Das ist, was ich unter Leadership verstehe: nicht der Lauteste im Raum sein, sondern derjenige, der aus fünf guten Optionen die eine richtige erkennt. Und die vier anderen begründet ablehnen kann.
Googles VP of Labs beschreibt KI als „Kreativitätsmultiplikator, der Menschen hilft, viele Ideen schnell zu erkunden.“ Das ist eine schöne Formulierung. Was er nicht sagt, aber impliziert: Jemand muss die schnell erkundeten Ideen trotzdem bewerten. Das kann keine KI für dich übernehmen. Das bist du.
Ein konkretes Beispiel aus meiner Arbeit: Wenn ich für einen Kunden KI-generierte Visuals erstelle, spare ich damit nicht die kreative Arbeit. Ich spare die mechanische Arbeit. Die kreative Arbeit, also das Gespür dafür, was die Marke ausmacht, was beim Publikum ankommt und was nur gut aussieht, aber nicht konvertiert, das ist mehr gefragt denn je.
Und Figma? Ein Blick auf den Markt
Figma-Aktien sind am Tag des Stitch-Redesigns um acht Prozent eingebrochen, der stärkste Einzeltagesrückgang seit über einem Monat. Das ist der Markt, der eine Einschätzung abgibt.
Ich interpretiere das nicht als „Figma ist erledigt“. Figma ist ein ausgezeichnetes Tool, und es wird noch lange relevant bleiben, schon allein weil Stitch einen direkten „Paste to Figma“-Export anbietet. Aber der Markt sagt: Die Kategorie „professionelles Design-Tool für Fachleute“ steht unter Druck. Die Annahme, dass Design immer Fachleute mit spezifischen Tools braucht, wackelt.
Das klingt bedrohlich. Ich finde es befreiend. Als jemand, der seit 1989 in der Kommunikationsbranche arbeitet und der weiß, wie viel Zeit und Energie in die rein technische Ausführung geflossen ist, die ohne inhaltlichen Mehrwert war: Wenn diese Zeit jetzt in inhaltliche Arbeit, in strategisches Denken, in echte Kommunikation fließen kann, ist das ein Gewinn.
Was ich dir empfehle
Probier Stitch aus. Nicht weil es das beste Tool der Welt ist. Sondern weil du verstehen musst, wohin sich Design und Produktion entwickeln. Du kannst kein Urteil über KI-generierte Designs fällen, wenn du nie eins gesehen hast. Du kannst kein Gefühl dafür entwickeln, was gut und was nur ausreichend ist, wenn du die Tools nicht selbst bedient hast.
Das Gleiche gilt für Claude Code, für KI-gestützte Marketing-Tools, für automatisierte Content-Workflows. Die Ära von Vibe Everything bedeutet nicht, dass du alles delegieren kannst. Sie bedeutet, dass du alles verstehen musst, damit du sinnvoll delegieren kannst.
Und hier ist, was ich nach 35 Jahren Branchenarbeit weiß: Das Urteilsvermögen, das du dir in deiner bisherigen Karriere erarbeitet hast, ist nicht wertlos geworden. Es ist wertvoller. Es braucht jetzt nur andere Tools, um sich auszudrücken.
Die Frage ist nicht, ob du das mitgemacht wirst. Die Frage ist, wie schnell du erkennst, dass sich der Flaschenhals verschoben hat. Und ob du auf der richtigen Seite davon stehst.
Das ist meine ehrliche Einschätzung. Sie kann sich ändern. Aber im Moment sieht alles danach aus, als würde sie sich eher bestätigen.