Wenn um 14 Uhr gerade ein Rocksong läuft, beginnen die KI-Nachrichten eben um 14:01. Den Titel schneide ich nicht ab. Seit heute sendet digitalhandwerk Radio Nachrichten zur vollen Stunde und einmal pro Stunde einen Blick auf das, was Anthropic veröffentlicht. Das klingt nach zwei neuen Programmpunkten. Dafür hab ich aber die komplette Sendeuhr meines KI-Webradios umgebaut, und die Nachrichten selbst waren der leichtere Teil. Schwierig war, sie pünktlich zu senden, ohne Musik zu kappen und ohne dass ein Sprachmodell etwas dazuerfindet. Nach diesem Artikel weißt du, wie die Nachrichten jede Nacht entstehen, warum eine Sendung jetzt 24 Stunden dauert und welche Fehler mich auf dem Weg dorthin begleitet haben. Ich betreibe den Sender als Ein-Mann-Projekt neben meiner Agentur, die ich seit 1989 führe, und deshalb muss er ohne mich auskommen. Genau dort fängt die Geschichte an: bei der Uhr.
- KI-Webradio
- ein Internetradio, dessen Moderation, Wortbeiträge und Musik vollständig von KI-Systemen erzeugt werden.
- RSS-Feed
- eine maschinenlesbare Liste der neuesten Beiträge einer Website, die Programme automatisch abrufen können.
- Edge TTS
- die Text-to-Speech-Stimmen von Microsoft, die ich über einen eigenen Server ansteuere und die aus Text gesprochene Sprache machen.
Warum braucht ein KI-Webradio mit Nachrichten eine neue Sendeuhr?
Wer nachlesen will, wie das vollautonome KI-Webradio entstanden ist, kennt das Grundprinzip: Ein Worker produziert nachts die Sendung, ein KI-Moderator stellt Beiträge aus meinem Blog vor, dazwischen läuft Musik aus meinem eigenen Suno-Bestand. Bisher war eine Sendung rund siebeneinhalb Stunden lang, exakt 449 Minuten, und lief dann wieder von vorn.
Für Moderationen war das egal. Für Nachrichten zur vollen Stunde ist es unbrauchbar, weil 449 Minuten kein Vielfaches einer Stunde sind. Beim zweiten Durchlauf wären die Nachrichten um 7:29 gekommen, beim dritten irgendwann am Nachmittag zu einer krummen Zeit. Also hab ich die Schleife auf einen ganzen Tag gestreckt: 24 Stunden ab dem nächtlichen Sendungsbau. Die Musik läuft darin etwa dreimal, und jedes Mal neu gemischt.
Damit ist aus einer Playlist mit Unterbrechungen ein Tagesprogramm mit Regeln geworden. Die wichtigsten:
- KI-Nachrichten zur vollen Stunde, an der nächstgelegenen Titelgrenze
- Moderation rund alle 15 Minuten
- Anthropic News einmal pro Stunde, nach jeder vierten Moderation
- KI-Interview höchstens einmal pro Stunde
- Werbeblock mindestens alle 30 Minuten
- gesprochene KI-Kennzeichnung spätestens alle 15 Minuten
- Senderkennung vor jeder zweiten Moderation
Dazu kommt eine Regel, die für alle gilt: nie zwei Wortbeiträge in derselben Lücke zwischen zwei Songs. Und ein Musiktitel wird nie unterbrochen. Was fällig ist, kommt an die nächstgelegene Titelgrenze, gerundet statt abgewartet. Über den Tag gemessen liegen die Nachrichten im Schnitt eine Minute neben der vollen Stunde, im schlechtesten Fall 2,3 Minuten. Bei den Moderationen sind aus den geplanten 15 Minuten gemessene 18 geworden. Damit kann ich leben.
Was aus meinem KI-Projekt ein Radio macht, ist eine Sendeuhr mit festen Regeln. Das Sprachmodell darf schreiben, die Uhr entscheidet, wann es auf Sendung geht.
Wie entstehen die KI-Nachrichten jede Nacht?
Im Backend hinterlege ich bis zu fünf RSS-Feeds von Tech-Medien, deutschsprachige und internationale. Jede Nacht holt sich der Worker aus jedem Feed die neueste brauchbare Meldung und liest die eigentliche Artikelseite, nicht nur den Teaser. Brauchbar heißt: keine Kommentarseiten, keine Sammelbeiträge, keine Zustimmungsmasken.
Wie wichtig dieser Filter ist, hab ich beim Auswählen der Feeds gelernt. Ein Medium lieferte statt Artikeln nur seine Cookie-Abfrage aus. Ein anderes mischte Shopping-Empfehlungen in seinen KI-Feed. Ein drittes brachte kaum eine Meldung am Tag, und ein viertes war seit Ende August schlicht tot. Alle vier sind wieder rausgeflogen.
Aus den übrigen Meldungen schreibt Gemini einen deutschen Nachrichtenblock. Gleiche Ereignisse aus mehreren Quellen werden zusammengelegt, und jede Meldung nennt im Satz, welches Medium berichtet hat. Jonas spricht den Block, Ingrid setzt ihren Jingle davor. Für fremde Quellen gelten strengere Regeln als für meine eigenen Texte: immer deutsch, zusammengefasst statt übersetzt, kein „wir“ und kein „unser“, nirgends „digitalhandwerk“. Und eine englische „billion“ ist eine Milliarde, keine Billion. Das klingt banal, wäre aber genau der Fehler, der im Radio peinlich wird.
Bewusst weggelassen hab ich eine Notvorlage. Bei den Moderationen gibt es eine, für Nachrichten hätte sie im dümmsten Fall englischen Originaltext unter meinem Sendernamen vorgelesen. Deshalb gilt: bis zu vier Versuche, und scheitert der Block trotzdem, gibt es an diesem Tag keine Nachrichten. Lieber gar keine als die von gestern.
Eine Schwäche hat das System, und die will ich nicht verstecken. Der Block entsteht nachts und läuft dann 24 Stunden lang zu jeder vollen Stunde. Um 23 Uhr sind die Nachrichten also fast einen Tag alt. Ob das auf Dauer reicht, schauen wir mal. Für ein Radio, das komplett ohne menschliches Zutun läuft, find ich den Tausch gerade fair: Verlässlichkeit gegen Aktualität.
Was haben Anthropic News in meinem Radio verloren?
Der zweite neue Programmpunkt heißt intern „Fremdbeiträge“. Einmal pro Stunde sagt Ingrid „Blick über den Zaun“ an, danach fasst eine eigene Stimme, de-DE-AmalaNeural, die zwei neuesten Artikel aus dem Newsroom von Anthropic auf Deutsch zusammen. Amala kommt sonst nirgends im Programm vor. Wer zuhört, merkt also sofort, dass jetzt nicht mein Blog spricht.
Warum Anthropic? Weil ich täglich mit Claude arbeite und wissen will, was sich dort tut. Gesponsert ist daran nichts, ich bekomm dafür keinen Cent.
Technisch hatte ich zuerst die Sitemap im Blick, weil sie sauber strukturiert ist. Das wäre schiefgegangen. Modellankündigungen fehlen dort, und über das Änderungsdatum hätte der Worker einen Artikel aus dem Februar für den neuesten gehalten. Gelesen wird deshalb die News-Übersicht selbst. Das ist weniger elegant, liefert aber das, was ein Mensch auf der Seite als neu sehen würde.
Was darf ein Sprachmodell im Radio nie selbst entscheiden?
Die teuerste Lektion des ganzen Projekts gilt auch hier: Was sich deterministisch berechnen lässt, gehört nicht ins Modell. Zahlen schreibt Gemini als Ziffern, ausgeschrieben werden sie danach per Code. Bei den Nachrichten kam ein neuer Fall dazu. Versionsnummern wie „Sonnet 5.5″ sprach die Stimme als „fünf.fünf“. Jetzt macht ein kleines Skript vor der Vertonung „fünf Punkt fünf“ daraus, und aus „v0.3″ wird „Version null Punkt drei“. In einem Nachrichtenblock über KI-Modelle kommt das ständig vor.
Wer sich fragt, warum ich so misstrauisch bin: Ich hab vor längerer Zeit beschrieben, warum KI-Halluzinationen passieren und wie du sie erkennst. Im Radio hörst du eine falsche Zahl nur einmal, nachlesen kannst du sie nicht. Ein KI-Radio macht für mich deshalb nur mit Regeln Sinn, die nicht vom guten Willen des Modells abhängen.
Und dann war da noch der Fehler von heute früh. Um 4:57 und um 5:05 liefen zwei Nachrichtenblöcke fast hintereinander. Es gab sogar einen Test, der genau das verhindern sollte. Der blieb trotz Fehler grün, weil sein Testblock länger war als der echte Block in der Sendung. Seitdem gilt für mich: Ein Test zählt erst, wenn er mit dem alten Code rot war. Das klingt nach Binsenweisheit, und trotzdem hab ich den Test genau so falsch gebaut.
Was hat sich in der Verwaltung des Senders verändert?
Ein Radio mit Tagesprogramm braucht ein Backend, in dem ich schnell sehe, was gerade passiert. Die Verwaltung ist jetzt auf großen Bildschirmen zweispaltig, oben steht fix der Status des Sendungsbaus, Meldungen erscheinen unten rechts. Die Feeds verwalte ich direkt dort, maximal fünf, die Anthropic News lassen sich per Schalter abdrehen, und den Nachrichtenblock kann ich vorhören und bei Bedarf neu erzeugen lassen. Musiktitel und Albumnamen ändere ich inzwischen, ohne die Datei neu hochzuladen. Und wer während eines laufenden Sendungsbaus die Seite neu lädt, verliert seine Eingaben nicht mehr.

Auch die KI-Interviews, bei denen mein Gast bewusst keinen Namen trägt, haben ein Update bekommen. Moderator und Gast duzen sich jetzt, ein „Sie“ mitten im Gespräch wertet die Prüfung als harten Fehler. Unterwegs hörst du das alles übrigens auch im Auto, seit der HLS-Stream für CarPlay und Radio-Apps läuft.
Fragen zu den KI-Nachrichten auf digitalhandwerk Radio
Und jetzt?
Dreh das Radio kurz nach einer vollen Stunde auf, hör dir die Nachrichten an und achte auf den Blick über den Zaun. Dann sag mir, ob ein Block, der nachts entsteht, für dich als Nachricht durchgeht. Der Sender ist eh noch in Beta, und die letzte Kritik hat ihm einen Stream fürs Auto eingebracht. Die nächste darf ruhig wieder so konkret sein.






Ein Kommentar
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