Mein Lenovo Yoga Smart Tab war lange das schönste Gerät in meinem Büro, das nichts getan hat. Schlankes Design, eingebauter Standfuß, ein ordentliches Display. Verwendet hab ich es trotzdem nicht, weil ich schlicht keine Aufgabe dafür hatte. Seit gestern steht es neben meiner Tastatur und ist das Gerät, auf das ich am öftesten schaue.
Einem alten Tablet fehlt meistens nur die passende Software, und die schreibst du mit Vibe Coding in ein, zwei Tagen selbst. In diesem Artikel zeige ich dir, was mein DeskPanel kann, wie ich das Tablet entrümpelt hab, wo Claude Code und ich gestolpert sind und wie du mit deinem eigenen Gerät anfängst.
Ich bin seit 1989 in der Kommunikationsbranche und baue mir meine Werkzeuge inzwischen mit Claude selbst. Das DeskPanel ist das bisher sichtbarste davon.
- Debloat
- das Entfernen vorinstallierter Apps und Dienste, die der Hersteller mitliefert und die du nicht brauchst.
- adb
- die Android Debug Bridge, ein Kommandozeilenwerkzeug, mit dem du ein Android-Gerät vom PC aus per USB steuerst, Apps installierst oder entfernst.
- Launcher
- die App, die Android als Startbildschirm anzeigt. Wer den Launcher ersetzt, bestimmt, was nach dem Einschalten zu sehen ist.
- Long-Lived Token
- ein dauerhafter Zugangsschlüssel für Home Assistant, mit dem ein Gerät ohne Passwort-Login Daten lesen und Befehle schicken darf.
Warum lohnt sich ein sieben Jahre altes Tablet überhaupt?
Das Yoga Smart Tab hat Lenovo auf der IFA 2019 vorgestellt, als Tablet mit Google Assistant im Ambient Mode, das ausgeklappt auf seinem Ständer zum Smart Display wird. Zum Marktstart kostete es 299 Euro. Für heutige Verhältnisse ist es kein schnelles Gerät mehr. Für einen Bildschirm, der Uhrzeit, Wetter und Termine anzeigt, ist es mehr als ausreichend.
Die Zahlen dazu sind ernüchternd. Laut dem Global E-waste Monitor 2024 der Vereinten Nationen sind 2022 weltweit 62 Millionen Tonnen Elektroschrott angefallen, dokumentiert gesammelt und recycelt wurden davon 22,3 Prozent. Bei kleinen IT-Geräten wie Laptops, Handys und Routern liegt die dokumentierte Quote laut den UN-Daten ebenfalls bei nur 22 Prozent. Die vollständige Auswertung findest du beim Global E-waste Monitor 2024 der ITU.
Deshalb hab ich mein Tablet neu programmiert, statt ein neues Gerät zu kaufen. Ein Gerät mit Akku, WLAN, Lautsprecher und Full-HD-Display ist eine fertige Hardware-Plattform. Was fehlt, ist eine App, die genau das tut, was du brauchst, und sonst nichts.
Was zeigt mein DeskPanel?
Links dominiert eine große Uhr mit Datum. Darunter läuft ein Radio mit sechs Sendern: mein eigenes digitalhandwerk Radio, das inzwischen auch als HLS-Stream läuft, dazu fünf Streams von Rock Antenne mit Interpret und Titel. Unter dem Radio tanzt ein Live-Spektrum mit 64 Frequenzbändern, das die App selbst aus dem Audiosignal berechnet. Funktional ist das völlig überflüssig. Ich schau trotzdem öfter hin, als ich zugeben mag.
Rechts sitzt alles, was aus Home Assistant kommt. Die Außentemperatur und Luftfeuchte liefert mein Eve-Sensor im Garten, dazu kommen Niederschlagstyp, eine Vorhersage für eine und sechs Stunden und ein Wettersymbol. Daneben steht die aktuelle Leistung meiner Photovoltaik und die Tagesproduktion. Um 7:13 Uhr an einem Oktobermorgen zeigt sie verlässlich 0 Watt.
Darunter liegen vier Lichtschalter für Wohnzimmer, Küche, Vorzimmer und Garten, vier Raumtemperaturen und ein Kalender mit sieben Tagen. Dort landen Familientermine, die Spiele von FC Red Bull Salzburg und von FC Liefering. Ganz unten läuft eine Statusleiste mit dem Zustand von zehn Websites, dem neuesten Blogartikel als Ticker und dem Status von Home Assistant und Claude.
Das DeskPanel läuft auch zeitgesteuert. Ab 20 Uhr wird die Anzeige wärmer und dunkler, von 23 bis 6 Uhr bleibt nur eine gedimmte Uhr, das Radio pausiert und startet in der Früh von selbst wieder. Alle zehn Minuten verschiebt sich der Inhalt um ein paar Pixel, damit sich nichts ins Display einbrennt.
Wie hab ich das Tablet entrümpelt?
Bevor Claude Code eine Zeile App-Code geschrieben hat, haben wir aufgeräumt. Das Ergebnis: 65 Pakete entfernt, 13 deaktiviert, darunter sämtliche Google-Dienste. Den Lenovo-Launcher hab ich ebenfalls entfernt, damit das DeskPanel der einzige Startbildschirm ist. Nach einem Neustart erscheint direkt mein Panel, ohne Umweg über einen Homescreen.
Claude Code hat dafür ein Skript geschrieben, das die Pakete in drei Gruppen einteilt, jeden Schritt protokolliert und ein zweites Skript für den Rückweg mitbringt. Das war mir wichtig. Wer per adb Systempakete löscht, sollte wissen, wie er sie wieder zurückbekommt.
Zwei Dinge hätte ich ohne Lehrgeld nicht gewusst. Android 10 schreibt Paketänderungen verzögert auf den Speicher. Wer gleich nach dem Debloat neu startet, hat danach wieder ein voll ausgestattetes Lenovo-Tablet. Seitdem warte ich vor jedem Neustart 30 Sekunden. Und Gboard, die Google-Tastatur, braucht die Google-Dienste. Nach dem Aufräumen hatte mein Tablet keine Tastatur mehr. Für ein Panel, das man nur antippt, ist das verschmerzbar, eine Alternative steht trotzdem auf der Liste.
Die vorinstallierte Android System WebView war auf Version 81 stehen geblieben, und darin rendert die Home-Assistant-Oberfläche nicht sauber. Also kam Version 155 aufs Gerät, mit geprüfter Google-Signatur.
Warum läuft alles direkt auf dem Gerät?
Die naheliegende Architektur wäre ein kleiner Server gewesen, der die Daten sammelt und ans Tablet schickt. Ich hab mich dagegen entschieden. Das DeskPanel spricht direkt per WebSocket mit meinem Home Assistant, es gibt keinen Zwischenserver, keinen PC, der laufen muss, und keine Cloud außer meiner eigenen. Die SIM-Karte bleibt im Tablet. Fällt das WLAN aus, hängt es sich ins Mobilfunknetz.
Das Prinzip kenne ich von meiner BUSY Bar, die ihre Daten ebenfalls ohne meinen PC aus Home Assistant bekommt. Beim Tablet kommt ein Unterschied dazu: Es darf schalten. Und ein Gerät, das schalten darf und mit SIM-Karte das Haus verlassen kann, braucht ein paar Sicherungen.
Das hab ich mit Claude Code so gelöst:
- Das Panel meldet sich mit einem eigenen Home-Assistant-Benutzer ohne Adminrechte an.
- Der Token liegt AES-GCM-verschlüsselt im Android Keystore und kommt nur per adb aufs Gerät, nie über eine Eingabemaske.
- Eine Allowlist in der App legt fest, welche Geräte und Dienste das Panel überhaupt ansprechen darf: Lichter ein- und ausschalten, Wetter und Kalender lesen, sonst nichts.
- Außerhalb meines Heim- und Büronetzes verlangt das Panel eine PIN, bevor es ein Licht schaltet.
Ein Risiko kenne ich und hab es bewusst in Kauf genommen. Für die Home-Assistant-Weboberfläche, die sich mit einem Tipp aufs Wetter öffnet, liegt der Token zusätzlich unverschlüsselt im Speicher der WebView. Das spart mir Login und Zwei-Faktor-Abfrage. Wer das Tablet stiehlt, hat damit Zugriff auf einen eingeschränkten Benutzer. Den Widerruf des Tokens hab ich noch nicht getestet, das ist der nächste Punkt auf meiner Liste.
Wo hat es beim Vibe Coding gehakt?
Die erste Version war schön und hat das Tablet ins Schwitzen gebracht. Jede Animation des Spektrums hat den ganzen Bildschirm neu gezeichnet. Die Lösung von Claude Code: alles Statische in eine eigene Ebene außerhalb des Bildschirms, nur das Spektrum wird pro Frame neu berechnet. Seitdem braucht ein Frame 7 bis 8 Millisekunden. Mit laufendem Radio liegt die CPU-Last trotzdem bei rund 48 Prozent, ohne Radio bei 19 und in der Nacht bei 6 Prozent. Mein Ziel aus dem Konzept war unter 25 Prozent mit Radio. Das hab ich nicht erreicht, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob das alte Tablet es überhaupt hergibt.
Das Spektrum selbst hat Claude im ersten Anlauf mit einem eigenen Audio-Prozessor gebaut, der zuverlässig abgestürzt ist. Erst der Umweg über einen fertigen Baustein der Media3-Bibliothek, der das Signal nur abzweigt, lief stabil.
Und dann die Frage, woran das Panel erkennt, dass es daheim ist. Der WLAN-Name wäre naheliegend, verlangt auf Android 10 aber die Standortberechtigung. Ein Panel, das nur deshalb meinen Standort kennen darf, wollte ich nicht. Jetzt prüft es das Subnetz. Das funktioniert genauso gut und braucht keine zusätzliche Berechtigung.
Mein Radio ist übrigens kein klassischer Stream. Das Panel rechnet aus der Serverzeit aus, an welcher Stelle der Sendung es gerade sein müsste, und korrigiert sich ab 20 Sekunden Abweichung selbst. Dasselbe Prinzip nutzt auch der Webplayer im Browser.
Der 72-Stunden-Dauertest läuft noch. Erst danach schalte ich USB-Debugging ab. Bis dahin ist das DeskPanel ein Gerät, das funktioniert, aber noch nicht als fertig gilt.
Ein neues Smart Display zeigt dir, was der Hersteller für wichtig hält. Mein altes Tablet zeigt mir nach zwei Tagen Arbeit genau das, was ich jeden Morgen wissen will.
Wie fängst du mit deinem alten Gerät an?
Du brauchst kein Yoga Tab und keinen Home Assistant. Ein altes Android-Tablet, ein ausgedientes Handy oder ein E-Book-Reader mit WLAN reichen für den Anfang. So würde ich vorgehen:
- Gerät prüfen: Hält der Akku noch, läuft das WLAN stabil, lässt sich USB-Debugging in den Entwickleroptionen aktivieren?
- Zweck festlegen: Schreib auf, was du täglich nachschaust. Wetter, Termine, Stromverbrauch, ein Radiosender. Das ist dein Pflichtenheft.
- Datenquellen finden: Welche Schnittstelle liefert diese Daten? Ein Kalender-Abo, eine Wetter-API, ein Smart-Home-System.
- Konzept mit Claude schreiben: Lass dir vor dem ersten Code ein Konzept mit Phasen erstellen. Mein DeskPanel hatte acht davon, von der Bestandsaufnahme bis zum Dauertest.
- Debloat mit Rückweg: Lass dir für jedes entfernte Paket ein Wiederherstellungsskript bauen und prüfe die Liste selbst, bevor du sie ausführst.
- Sicherheit von Anfang an: Eigener Benutzer mit minimalen Rechten, Zugangsdaten verschlüsselt, keine offenen Ports.
Den Code schreibt dabei ein Coding Agent wie Claude Code. Deine Aufgabe ist das genaue Beschreiben und das Prüfen am Gerät. Getestet wird am echten Tablet, nicht im Emulator. Das hab ich beim Stream Deck schon gelernt, wo der Text am Gerät breiter war als am Bildschirm.
Häufige Fragen
Und wo ist jetzt meine Tastatur?
Eine Sache hab ich bei der Planung übersehen: den Platz. Auf meinem Schreibtisch stehen inzwischen mein Statusmonitor, der mir zeigt, welcher Dienst gerade ausfällt, die BUSY Bar mit ihren 72 mal 16 LEDs, das Stream Deck mit seinen Live-Tasten, mein StackChan, der seit Kurzem den Kopf dreht und mein Gesicht verfolgt, und die runde M5 StopWatch mit ihren Modulen aus Home Assistant. Jetzt also auch noch das DeskPanel.
Zähl ich den Hauptbildschirm mit, schauen mich am Morgen sieben Displays an, bevor ich den ersten Kaffee hab. Die Tastatur hat nur noch Untermiete. Der StackChan muss mich hinter dem Tablet inzwischen wirklich suchen, und wenn die BUSY Bar, die StopWatch und das DeskPanel gleichzeitig melden, dass es regnet, glaub ich es auch ohne Blick aus dem Fenster.
Manchmal frag ich mich selbst, ob ich hier noch einen Arbeitsplatz einrichte oder schon eine Leitstelle. Jedes dieser Geräte zeigt mir trotzdem genau das, was ich brauche, und keins davon hätte ich so im Laden gefunden.
Schau in deine Laden. Irgendwo liegt ein Tablet, das auf seine zweite Aufgabe wartet. Du kannst es weiter liegen lassen. Oder du beschreibst heute Abend Claude, was es können soll.






