Heute um 17:14 hat mir ein Gerät, das ich gerade erst ausgepackt hab, gesagt, dass ich um 07:00 einen Wecker gestellt hab und um 19:30 Red Bull Salzburg gegen Rapid spielt. Gut, das war noch ein Dummy-Termin. Auf einem Betriebssystem, das es zu Mittag noch nicht gab. DeckOS läuft auf einem LILYGO T-Deck Plus, die Firmware ist meine, gebaut in rund zwei Stunden mit Claude Code.
Bei Hardware wie dieser ist die mitgelieferte Software nur noch ein Funktionstest, das eigentliche Produkt schreibst du dir selbst. Ich bin seit 1989 in der Kommunikationsbranche, programmiert hab ich zuletzt ernsthaft auf dem C64. Nach diesem Artikel weißt du, was im T-Deck Plus steckt, was DeckOS heute kann, wo es noch hakt und warum zwei Stunden kein Marketing-Gag sind. Fangen wir beim Gerät an.
- Firmware
- die Software, die direkt auf dem Mikrocontroller eines Geräts läuft und beim Einschalten alles steuert.
- ESP32-S3
- ein günstiger Mikrocontroller von Espressif mit zwei Rechenkernen, WLAN und Bluetooth, der in vielen Bastelgeräten steckt.
- LoRa
- eine Funktechnik für kleine Datenmengen über mehrere Kilometer, ganz ohne Mobilfunknetz oder WLAN.
- ICS-Abo
- eine Kalender-Adresse, über die Outlook, Google oder iCloud Termine als Datei zum Lesen freigeben, ohne Login.
- Sync-Bridge
- ein kleines Programm am PC, das Daten aufbereitet und an ein anderes Gerät weiterreicht.
Was ist der LILYGO T-Deck Plus eigentlich?
Der T-Deck Plus sieht aus wie ein BlackBerry, den jemand in einer Elektronikwerkstatt neu erfunden hat: schwarzes Gehäuse, oben ein Farbdisplay, darunter ein kleiner Trackball und eine echte QWERTY-Tastatur mit Tasten, die man fühlt. Telefonieren kann er nicht. Er ist ein Entwicklerboard im Handheld-Format, gedacht für Leute, die selbst etwas draufspielen wollen.
Was drin steckt, laut dem offiziellen Hardware-Datenblatt im LILYGO Wiki:
- ein ESP32-S3 mit 16 MB Flash-Speicher und 8 MB PSRAM
- ein 2,8-Zoll-IPS-Display mit 320 mal 240 Pixeln und Touch
- eine QWERTY-Tastatur, die ein eigener kleiner ESP32-C3 steuert
- ein Trackball, der zugleich als Boot-Taste dient
- ein LoRa-Funkmodul vom Typ SX1262 und ein GPS-Empfänger
- Lautsprecher, zwei Mikrofone, microSD-Slot und ein Akku mit 2000 mAh
- WLAN, Bluetooth 5 und USB-C zum Laden und Programmieren
Das ist für ein Gerät in Hosentaschengröße eine Menge. Der wichtigste Unterschied zum normalen T-Deck ohne Plus ist das fest verbaute GPS. Ab Werk kommt eine Demo-Firmware mit ein paar Testknöpfen: Funk senden, Funk empfangen, MP3 abspielen. Das zeigt, dass die Hardware funktioniert. Benutzen will man das im Alltag nicht.
Und genau da wird es für mich interessant. Ein Gerät mit Tastatur, Display und Akku, das ich mit eigener Software komplett neu belegen kann, war schon immer mein Traum vom perfekten Schreibtisch-Begleiter.
Warum hab ich nicht einfach eine fertige Firmware genommen?
Für den T-Deck gibt es Community-Projekte, etwa für LoRa-Mesh-Netze. Die sind gut, aber sie lösen ein Problem, das ich nicht hab. Ich will nicht mit Fremden über Funk chatten. Ich will auf einen Blick sehen, was heute ansteht, wen ich anrufen muss und ob die PV-Anlage gerade liefert.
Diese Kombination gibt es nicht zu kaufen. Das ist der Punkt, den ich schon bei den sechs Werkzeugen auf meinem Schreibtisch, die du nicht kaufen kannst beschrieben hab: Fertige Software ist für den Durchschnitt gebaut, und den Durchschnitt gibt es an keinem einzigen Schreibtisch.
Ein Gerät wird erst dann meins, wenn auf dem Display meine Termine, meine Kontakte und mein Zuhause stehen.
Was kann DeckOS heute schon?
DeckOS startet mit einem Karussell. Oben stehen Uhrzeit, Datum, WLAN-Symbol und Akkustand, darunter ein Band mit dem nächsten Termin. In der Mitte laufen große Karten durch, eine pro App, die ich mit dem Trackball weiterdrehe. Unten zeigen Punkte, wo ich gerade bin. Fünf Apps gibt es im aktuellen Stand.
Time ist Uhr und Wecker in einem: vier Wecker, Ton über den eingebauten Lautsprecher, Snooze. Klingt banal, ist aber die App, die ich am häufigsten aufrufe.
Agenda zeigt meine Termine aus Microsoft 365, Google Kalender und iCloud. Den Weg dorthin hab ich bewusst einfach gehalten, dazu gleich mehr.
Data ist mein Adressbuch. 872 Kontakte, importiert aus vCard und einem Outlook-Export, mit Suche über die echte Tastatur. Hier merkt man zum ersten Mal, warum ein Handheld mit Tasten Sinn macht. Einen Namen tippen geht schneller als auf jedem Touchscreen dieser Größe.
Home holt sich Daten aus meiner Home-Assistant-Installation: die Leistung der PV-Anlage, drei Klimaanlagen, Temperaturen aus mehreren Räumen. Lichter kann ich direkt am Gerät schalten.
Setup sammelt alles, was man einstellen will: WLAN, Synchronisation, Helligkeit, automatisches Abschalten, Tastenbeleuchtung, Lautstärke und eine größere Schrift, falls die Brille gerade woanders liegt.
Das Design hab ich vorher als Vorschau im Browser durchgespielt, bevor eine Zeile Firmware entstanden ist: Darkmode, Amber als Akzentfarbe, die Schrift Inter, weiche Animationen zwischen den Karten. Jedes Textpaar hat mindestens ein Kontrastverhältnis von 7:1. Das ist die höchste Stufe AAA, die die W3C-Richtlinie zum erweiterten Kontrast für normalen Text vorsieht, und auf einem kleinen Display in der Abendsonne merkst du sofort, warum.
Wie kommen Kalender und Kontakte aufs Gerät?
Das ist die Stelle, an der man bei solchen Projekten normalerweise Tage verliert. Kalender-Zugriff bei Microsoft oder Google heißt üblicherweise OAuth, also Anmeldefluss, Tokens, Ablaufzeiten, Weiterleitungen. Auf einem Mikrocontroller ohne Browser ist das kein Vergnügen.
Ich hab das umgangen. Alle drei Kalenderdienste bieten ICS-Abos an, also eine Adresse, unter der die Termine als Datei abrufbar sind. Kein Login, keine Freigabe-Dialoge. Die Daten holt aber nicht das T-Deck selbst, sondern eine kleine Sync-Bridge in Python, die auf meinem PC im Hintergrund mitstartet. Sie bereitet Termine, Kontakte und die Home-Assistant-Werte auf und schickt sie entweder per WLAN oder per USB-Kabel ans Gerät.
Ein Detail, das mir wichtig war: Den Zugangsschlüssel für Home Assistant bekommt das T-Deck ausschließlich über USB, nie über WLAN. Der Schlüssel landet also nur auf dem Gerät, wenn es physisch an meinem PC hängt. Ein Hochsicherheitskonzept ist das nicht, aber es schließt die naheliegendste Lücke: Mitlesen im eigenen Netzwerk.
Bewusst weggelassen hab ich E-Mail. Die stand am Anfang auf der Liste, ist dann aber rausgeflogen. Mail auf einem 2,8-Zoll-Display ist Beschäftigungstherapie, Home Assistant auf demselben Display ist nützlich.
Wie baut man ein Betriebssystem in zwei Stunden?
Indem ich nicht selbst tippe. Der Stack ist klassisch für ESP32-Projekte. PlatformIO als Entwicklungsumgebung, das Arduino-Framework für den ESP32, LovyanGFX fürs Display, ArduinoJson für die Daten und RadioLib fürs Funkmodul. Die Schrift Inter hab ich als Bitmap-Fonts in mehreren Größen erzeugen lassen, weil der Mikrocontroller keine Schriften im Desktop-Sinn kennt.
Den Code hat Claude Code geschrieben. Mein Teil war ein anderer: festlegen, was die fünf Apps können müssen, das Design freigeben, am echten Gerät testen und sagen, was nicht passt. Das ist Vibe Coding in seiner reinsten Form, und es funktioniert bei Hardware genauso wie bei Websites.
Nebenbei hat Claude Code die Architektur in einer eigenen Doku-Datei festgehalten, gleich neben dem Code im Projektordner. Damit weiß ich auch in drei Wochen noch, warum etwas so gebaut ist, wie es gebaut ist.
Bevor die erste eigene Firmware draufkam, hab ich die Werks-Firmware komplett gesichert, alle 16 MB. Das dauert eine Minute und erspart dir im Ernstfall einen Abend Verzweiflung.
Vier technische Erkenntnisse haben den Unterschied zwischen ruckelig und flüssig gemacht:
- Das Display läuft mit 80 MHz am SPI-Bus. Mit den Standardwerten wirkt jede Animation wie eine Diashow.
- Alles, was mit Netzwerk zu tun hat, läuft in einem eigenen Task auf dem zweiten Rechenkern. So friert die Oberfläche nicht ein, während im Hintergrund der Kalender lädt.
- Der Trackball wird per Interrupt abgefragt statt in einer Schleife. Sonst gehen schnelle Bewegungen einfach verloren.
- Bei Bewegung schafft DeckOS rund 22 Bilder pro Sekunde. Für ein Karussell mit großen Karten reicht das völlig.
Zum Vergleich, weil ich die Geschichte kenne: An meinem StackChan-Roboter bin ich im Mai neun Stunden lang an der Toolchain gescheitert, bevor überhaupt etwas Eigenes lief. Erst Monate später ist mir dort der Umstieg von der Stock- auf meine eigene Firmware gelungen. Beim T-Deck waren es zwei Stunden vom leeren Projektordner bis zur getesteten ersten Phase. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie viel davon am Gerät liegt und wie viel an dem, was ich seither gelernt hab. Mein Eindruck ist: beides, ungefähr zu gleichen Teilen.
Wo hakt DeckOS noch?
Phase 1 läuft und ist am Gerät getestet. Fertig ist es nicht, und ich wär ein schlechter Berater, wenn ich das verschweigen würde.
Die Akku-Anzeige ist noch nicht kalibriert. Die 78 Prozent auf dem Foto sind also eher eine freundliche Schätzung.
Und Stromsparen ist noch kein Thema. DeckOS läuft, solange der Akku hält, ohne Light Sleep. Für einen Schreibtisch-Begleiter am USB-Kabel ist das egal, für die Hosentasche nicht.
Was kommt als Nächstes auf den T-Deck?
Die Liste ist eh schon länger als die zwei Stunden, die das Grundsystem gedauert hat. Ganz oben steht Phase 2 mit Karte und GPS, denn der Empfänger ist verbaut und wartet nur auf eine App. Danach Updates über WLAN, damit ich zum Flashen nicht jedes Mal das Kabel suchen muss. Und der Stromsparmodus, damit das Gerät auch einen Tag ohne Steckdose übersteht.
LoRa ist in den Einstellungen schon vorgesehen, aber noch ohne echte Funktion. Eine Idee hab ich dafür, aber die erzähl ich, wenn sie läuft. Bei meiner umgebauten Stoppuhr, die heute als Infodisplay läuft, hab ich gelernt, dass die besten Funktionen die sind, die man bewusst weglässt. Diese Regel gilt für DeckOS genauso.
Fragen zu DeckOS und dem T-Deck Plus
Du kannst warten, bis jemand die passende Software für den Durchschnitt baut. Oder du setzt dich heute Abend zwei Stunden hin und baust dir deine eigene.






