——— aus der werkstatt

ChatGPT

ChatGPT ist jetzt offiziell eine Suchmaschine. Ich hab das schon lange gesagt.

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159,1 Millionen Menschen in der EU nutzen die Suchfunktion von ChatGPT jeden Monat. Die Schwelle, ab der der Digital Services Act seine schärfsten Regeln zündet, liegt bei 45 Millionen. Seit Montag ist ChatGPT deshalb eine „Very Large Online Search Engine“, kurz VLOSE, und steht damit in einer Reihe mit Google Search und Bing.

Ich lese seit drei Tagen, die EU würde ChatGPT damit kaputtregulieren. Meine These ist eine andere: Brüssel hat nur amtlich festgestellt, was OpenAI selbst seit zwei Jahren verkauft. ChatGPT ist eine Suchmaschine, und wer sich als Google-Konkurrent aufstellt, bekommt die Regeln für Google-Konkurrenten.

Danach weißt du, was genau beschlossen wurde, warum die Kommission Suchmaschine statt Plattform gewählt hat, und was sich für dich als Unternehmer wirklich ändert. Ich lese den AI Act und den DSA beruflich seit Jahren nebeneinander, und der Unterschied zwischen den beiden ist der Schlüssel zu dieser Geschichte. Zuerst aber die Fakten.

Was ist am 31. August 2026 passiert?

Die Europäische Kommission hat drei Dienste neu unter die verschärften Regeln des Digital Services Act gestellt: Reddit und Roblox als „Very Large Online Platforms“ (VLOPs), ChatGPT als „Very Large Online Search Engine“. Alle drei haben selbst gemeldet, dass sie mehr als 45 Millionen durchschnittliche monatliche Nutzer in der EU erreichen. Diese Zahl entspricht rund zehn Prozent der EU-Bevölkerung und ist die gesetzliche Grenze für die höchste Aufsichtsstufe.

Die gemeldeten Zahlen im Vergleich: Reddit 57,2 Millionen, Roblox 46,6 Millionen, ChatGPT 159,1 Millionen. Die Zahl von OpenAI bezieht sich auf die Suchfunktion von ChatGPT im Halbjahr bis Ende März 2026, nicht auf die gesamte Nutzung. Im Oktober 2025 lag derselbe Wert noch bei 120,4 Millionen.

Was jetzt folgt, ist im DSA klar geregelt. OpenAI hat vier Monate Zeit, also bis Jänner 2027, um die zusätzlichen Pflichten umzusetzen:

  • Systemische Risikobewertung: OpenAI muss jährlich prüfen, welche Risiken von ChatGPT ausgehen. Explizit genannt sind illegale Inhalte, Auswirkungen auf Minderjährige, körperliche und psychische Gesundheit, Grundrechte, Wahlen und öffentliche Sicherheit.
  • Risikominderung: Erkannte Risiken müssen mit konkreten Maßnahmen reduziert werden.
  • Unabhängige Audits: Externe Prüfer kontrollieren, ob das alles stimmt. OpenAI zahlt dafür.
  • Datenzugang für Forschung: Verifizierte Forscher bekommen nach Artikel 40 DSA Zugang zu Daten, um systemische Risiken zu untersuchen.
  • Transparenzberichte und direkte Aufsicht durch die Kommission statt durch nationale Behörden.

Bei Verstößen drohen Geldbußen bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Die Details stehen in der Mitteilung der Kommission zur Einstufung von ChatGPT, Reddit und Roblox.

Warum Suchmaschine und nicht Plattform?

Das ist die interessante Entscheidung, und sie wird in den meisten Kommentaren übersehen. Die Kommission hatte die Wahl: Plattform oder Suchmaschine. Sie hat sich für die Suchmaschine entschieden, weil ChatGPT ein hybrider Dienst ist. Er beantwortet Fragen und greift dabei live auf das Web zu. Das ist funktional das, was Google und Bing tun, nur mit anderem Interface.

Ich halte diese Einstufung für überfällig. Ich hab schon vor längerer Zeit geschrieben, dass ChatGPT zur Suchmaschine wird und die Gen Z schon dort ist. Damals ging es um Semrush-Daten und um die Frage, wie Traffic von ChatGPT auf Websites landet. Heute steht dieselbe Erkenntnis in einem Rechtsakt der Kommission.

Das ist der Punkt, an dem es interessant wird: Die Einstufung hängt nicht am Produktnamen und nicht am Begriff „KI“. Sie hängt an der Funktion „Websuche“. Damit ist eine Schablone da, die sich auf Gemini, Claude oder Perplexity übertragen lässt, sobald diese Dienste in der EU über 45 Millionen Nutzer melden. Wer heute einen KI-Assistenten mit Web-Zugriff baut und groß wird, weiß jetzt, welches Regime ihn erwartet.

Ist das jetzt der regulatorische Schichtkuchen?

Das Argument, das ich am häufigsten lese: AI Act unten, DSA oben, dazwischen Audits und Behörden, und in Summe erstickt Europa die Technologie. Klingt schlüssig. Es stimmt trotzdem nur zur Hälfte.

Ja, OpenAI unterliegt jetzt zwei Regelwerken. Der AI Act reguliert das Modell: GPT als General-Purpose-KI mit Dokumentations- und Transparenzpflichten, Bußgelder bis 15 Millionen Euro oder drei Prozent des Umsatzes. Was seit August 2025 verbindlich gilt, hab ich im Artikel zum KI-Gesetz ab August 2025 aufgeschlüsselt. Der DSA reguliert den Dienst: die Oberfläche, über die 159 Millionen Europäer Informationen bekommen. Das sind zwei verschiedene Dinge. Ein Motor und ein Auto werden auch nach unterschiedlichen Normen geprüft, und niemand nennt das einen Schichtkuchen.

Das Bild hinkt leicht, aber es trifft den Kern: Der DSA fragt nicht, wie das Modell trainiert wurde. Er fragt, was passiert, wenn 159 Millionen Menschen ihre Gesundheitsfragen, Wahlentscheidungen und Kinderprobleme in dieselbe Box tippen. Diese Frage ist berechtigt, und OpenAI hat sie bis heute freiwillig nicht beantwortet.

Trifft das die kleinen europäischen KI-Anbieter?

Hier wird die Kritik am DSA regelmäßig unsauber. Die Behauptung lautet: Was OpenAI lästig findet, ist für ein europäisches Startup tödlich. Für den AI Act kann man dieses Argument führen, und ich hab es im Artikel zum verzögerten EU AI Act selbst gemacht. Für die VLOSE-Einstufung gilt es nicht.

Die Schwelle liegt bei 45 Millionen monatlichen Nutzern in der EU. Mit den drei Neuzugängen sind jetzt insgesamt 28 Dienste in dieser Kategorie. Achtundzwanzig, EU-weit, über alle Branchen. Kein Salzburger KI-Startup und kein deutscher Mittelständler kommt dieser Zahl auch nur in die Nähe. Die VLOSE-Pflichten treffen ausschließlich Dienste, die bereits jeden zehnten EU-Bürger erreichen. Wer diese Größe hat, hat auch die Compliance-Abteilung.

Was für KMU und EPU wirklich zählt, ist der AI Act mit seinen Pflichten für Anbieter und Betreiber. Dort sitzt der Standortnachteil, und dort wäre die Kritik richtig platziert. Die VLOSE-Debatte als Beleg dafür zu nehmen, dass Europa kleine Anbieter erstickt, verwechselt die Adresse.

Was ändert sich für dich als Unternehmer?

Kurz: operativ nichts. Die Pflichten treffen OpenAI, nicht die Firma, die ChatGPT nutzt oder über die API einbindet. Du musst keine Risikobewertung schreiben, weil du ChatGPT für Angebotstexte verwendest.

Strategisch ändert sich einiges, und das ist der Teil, der die meisten überrascht. Ich arbeite seit Jahren mit dem Begriff Search Everywhere Optimization, weil Sichtbarkeit längst nicht mehr nur in Google entsteht, sondern überall dort, wo Menschen fragen. Warum ich Search Everywhere Optimization dem klassischen SEO vorziehe, hab ich ausführlich begründet. Seit Montag hat diese Sichtweise ein Aktenzeichen.

Was das konkret bedeutet:

  • ChatGPT wird transparenter. Forscher bekommen Zugang zu Daten über die Funktionsweise. Zum ersten Mal wird von außen prüfbar, wie ChatGPT Quellen gewichtet und warum manche Websites zitiert werden und andere nicht. Für alle, die an ihrer Sichtbarkeit in KI-Antworten arbeiten, ist das die wichtigste Nachricht des Jahres.
  • Die Quellenlogik wird zum Prüfgegenstand. Wenn ChatGPT systematisch bestimmte Inhalte bevorzugt oder Desinformation weiterreicht, muss OpenAI das erkennen und beheben. Wer saubere, belegte, klar strukturierte Inhalte liefert, profitiert von jeder Nachbesserung.
  • Jugendschutz und Gesundheitsthemen bekommen Leitplanken. Die EU-Abgeordnete Christel Schaldemose hat bereits angemerkt, dass die Chat-Funktion Risiken für Kinder birgt, die eine reine Suchmaschinen-Einstufung vielleicht nicht vollständig abdeckt. Ich rechne damit, dass genau hier in den nächsten Monaten nachgeschärft wird.

Wo ich trotzdem kritisch bleibe

Ich bin kein Freund von OpenAI, das ist bekannt. Aber ich bin auch kein Freund davon, Brüssel für alles zu loben, was nach Kontrolle aussieht. Drei Punkte stören mich.

Das Tempo. OpenAI hat die 120 Millionen im Oktober 2025 gemeldet. Die Einstufung kam im August 2026. Zehn Monate, in denen ein Dienst mit dreifacher Schwellenüberschreitung außerhalb der obersten Aufsichtsstufe lief. Dann vier weitere Monate Umsetzungsfrist. Von der Meldung bis zur Wirksamkeit vergeht also mehr als ein Jahr. Für eine Verordnung, die systemische Risiken adressieren will, ist das langsam.

Die Durchsetzung. Die erste DSA-Geldbuße überhaupt gab es im Dezember 2025 gegen X, 120 Millionen Euro. Das sind Größenordnungen, die OpenAI aus der Portokasse zahlt. Sechs Prozent vom Weltumsatz stehen auf dem Papier. Ob die Kommission sie je ausschöpft, ist eine offene Frage, und ich bin mir da nicht sicher, ob sie den politischen Preis dafür bezahlen will.

Der geopolitische Rahmen. Washington wirft der EU seit Monaten vor, mit DSA und DMA gezielt amerikanische Konzerne anzugreifen. Die Kommission weist das zurück und verweist darauf, dass die Regeln für alle gelten. Beide haben recht, und genau deshalb wird die ChatGPT-Einstufung zum Testfall. Wenn OpenAI im Jänner 2027 mit Verweis auf Washington auf Zeit spielt, wissen wir, was der DSA wert ist.

Was ich nicht kaufe, ist die Erzählung vom schleichenden Technologietod durch Formulare. Ein Dienst, der in der EU größer ist als Bing, wird nicht durch eine Risikobewertung unattraktiv. Er wird unattraktiv, wenn er schlechter wird als die Konkurrenz. Und daran arbeitet OpenAI im Zweifel selbst am effektivsten.

Fragen zur VLOSE-Einstufung von ChatGPT

VLOSE steht für „Very Large Online Search Engine“ und ist eine Kategorie im Digital Services Act. Sie gilt für Suchmaschinen mit mindestens 45 Millionen monatlichen Nutzern in der EU. Bisher waren nur Google Search und Bing in dieser Kategorie, seit dem 31. August 2026 auch ChatGPT.

Die DSA-Pflichten treffen ausschließlich OpenAI als Anbieter des Dienstes. Für Nutzer und API-Kunden ändert sich rechtlich nichts. Deine Pflichten beim Einsatz von KI-Tools regelt weiterhin der AI Act.

Nicht direkt. OpenAI muss Risiken bewerten, Maßnahmen setzen und Audits zulassen. Ob und wie sich das auf Funktionen auswirkt, entscheidet OpenAI selbst. Bei Google und Bing hat die VLOSE-Einstufung 2023 zu keiner sichtbaren Einschränkung der Suche geführt.

Doch, beide Regelwerke gelten parallel. Der AI Act reguliert das Modell GPT, der DSA den Dienst ChatGPT. Die Pflichten überschneiden sich nur an wenigen Stellen, etwa bei Transparenz gegenüber Nutzern.

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about.me
Alex Januschewsky – Zertifizierter KI-Beauftragter und Werbefachmann
Alex Januschewsky

Alex Januschewsky ist Werbefachmann, zertifizierter KI-Beauftragter (ISO 42001, EU AI Act-Konformität) und Microsoft MVP Alumni. Seit 1989 in Werbung und Design aktiv, spezialisiert auf den professionellen Einsatz von Generativer KI: kreativ, strategisch, praxisnah. Seit über 30 Jahren entwickle ich Kommunikation, die nicht auf Hype setzt, sondern auf echte Wirkung. Klar, klug und mit einem tiefen Verständnis für Technologie und Sprache. In diesem Blog teile ich Ideen, Impulse und erprobtes Wissen für Unternehmer, Entscheider und KI-Enthusiasten, die mehr wollen als Schlagwörter und bunte Versprechen.

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Alex Januschewsky, Prompt Rocker, wohnhaft in Salzburg, tätig in Österreich
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