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110 Minuten KI-Kinofilm für 2 Millionen Dollar: Was „The Cully Hill Boys“ wirklich zeigt

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Higgsfield hat am 5. August 2026 in New York einen Spielfilm gezeigt, der komplett generiert ist. 110 Minuten, kein einziges gefilmtes Bild, vier reale Gesichter, alle vertraglich lizenziert. Die Zahl, die mich beim Durchklicken der Projektseite wirklich gestoppt hat, ist aber eine andere: 473.214 Generierungen für rund 1.000 verwendete Assets.

Meine These: Der spannende Teil an diesem KI-Kinofilm ist nicht die Bildqualität. Es sind die Verträge dahinter und die Lizenz darüber. Und genau bei der Lizenz stimmt die Marketing-Erzählung nicht.

Nach diesem Artikel weißt du, was der Film technisch und wirtschaftlich wirklich gekostet hat, warum der Begriff „open source“ hier falsch verwendet wird, und welchen Teil davon du als EPU oder KMU tatsächlich für deine eigene Arbeit übernehmen kannst.

Fangen wir bei den harten Zahlen an, weil die in den meisten Meldungen untergegangen sind.

Kurz erklärt: Drei Begriffe, um die es hier geht

Likeness Licensing bezeichnet die vertragliche Lizenzierung des Erscheinungsbilds einer realen Person, also Gesicht, Körper, Stimme und Bewegungsmuster, zur Nutzung in KI-generierten Inhalten. Anders als beim klassischen Bildrecht geht es nicht um eine einzelne Aufnahme, sondern um die Erlaubnis, beliebig viele neue Aufnahmen dieser Person zu erzeugen.

HOL-RO-1.0 ist die von Higgsfield eigens geschriebene Lizenz für diesen Film. RO steht für read-only. Sie erlaubt ausdrücklich das Ansehen, Studieren und Zitieren, und verbietet ebenso ausdrücklich jede Weiterverwendung.

Cinema Studio ist das Produkt von Higgsfield, für das dieser Film als Demonstration dient. Der Film ist nicht für Kino oder Streaming gedacht, sondern als Verkaufsargument gegenüber Studios, Agenturen und Marken.

Was ist „The Cully Hill Boys“ überhaupt?

Die Handlung ist schnell erzählt: Drei erfolglose Rapper aus East London, Cal, Horace und Oli, wollen ein Musikvideo drehen, finden dabei einen Haufen Bargeld auf einem Boot und stehen kurz darauf zwischen zwei rivalisierenden Verbrechersyndikaten. Action-Komödie, schnell geschnitten, beatgetrieben.

Das Drehbuch stammt von Timothy W. Planagan, der laut Forbes rund fünf Jahre daran gearbeitet hat. Es war Finalist bei den London Independent Screenplay & Film Awards 2026 und stand auf der Black List, jener jährlichen Umfrage unter Hollywood-Entscheidern zu den besten nicht verfilmten Drehbüchern. Higgsfield hat es dort entdeckt und die Rechte für eine KI-Adaption lizenziert. Das ist der erste Punkt, der mir wichtig ist: Am Anfang stand kein Prompt, sondern ein Drehbuch, an dem ein Mensch fünf Jahre gesessen ist.

Die vier Gesichter im Film gehören Israel Adesanya (zweifacher UFC-Champion), Quinton „Rampage“ Jackson (MMA-Veteran und Schauspieler), dem Streamer N3on, bürgerlich Mikyle Rafiq, und dem Basketball-Creator Matt „MK“ Kiatipis. Keiner von ihnen stand vor einer Kamera. Alle vier haben ihr Erscheinungsbild lizenziert.

Der erste KI-Kinofilm mit vertraglich lizenzierten Promi-Gesichtern ist kein filmisches Ereignis, sondern ein juristisches, erklärt Alex Januschewsky, KI-Berater und Betreiber von digitalhandwerk.rocks.

Was kostet ein generierter Spielfilm wirklich?

Higgsfield hat gegenüber Forbes konkrete Zahlen genannt, und die sind interessanter als jedes Standbild. Das Gesamtbudget lag bei rund 2 Millionen US-Dollar, davon etwa 1 Million allein für Compute. Die Hälfte des Budgets ist also in Rechenzeit geflossen, nicht in Menschen.

Das Team bestand aus 28 Personen. Neun Regisseure haben parallel an verschiedenen Sequenzen gearbeitet, geleitet von Aitore Zholdaskali und Adilet Abish. Rund 40 Prozent des Teams hatten vorher noch nie mit generativer KI gearbeitet, sondern kamen aus klassischer Filmproduktion. Produktionszeit: vier Wochen. Ergebnis: etwa 1.000 produktionsreife Assets über mehr als 100 Locations, alles in 4K.

Zum Vergleich zieht Higgsfield den eigenen Vorgänger heran, „Hell Grind“: 95 Minuten, rund 500.000 Dollar, ungefähr 100 Assets. Das ist innerhalb weniger Monate eine Verzehnfachung der Produktionsskala. Als Referenz für klassische Produktion nennt das Unternehmen unabhängige Filme vergleichbarer Ambition mit ein bis zwei Jahren Laufzeit und Budgets jenseits von 20 Millionen. Diese Vergleichszahl kommt vom Anbieter selbst, also mit Vorsicht genießen. Aber selbst wenn man sie großzügig nach unten korrigiert, bleibt eine Kostenstruktur übrig, die kein Produzent ignorieren wird.

Und jetzt kommt die Zahl, die auf der Projektseite steht und die kaum jemand aufgegriffen hat: 473.214 Generierungen. Für rund 1.000 verwendete Assets. Das sind im Schnitt fast 500 Versuche pro brauchbarem Ergebnis. Wer schon einmal ernsthaft mit Videomodellen gearbeitet hat, kennt das Verhältnis. Ich hab das in kleinerem Maßstab selbst durch, als ich Seedance 2.0 über den Higgsfield-Connector direkt aus Claude heraus gesteuert habe. Der erste Clip ist beeindruckend, der zwanzigste ist brauchbar. Nur rechnet das in einem Blogartikel niemand mit. Bei einem Spielfilm schon.

Das relativiert die Erzählung vom mühelosen Knopfdruck ziemlich deutlich. KI-Produktion ist nicht billig, weil sie einfach ist. Sie ist billig, weil das Ausschussmaterial nichts kostet außer Credits.

Warum „open source“ bei diesem Film schlicht falsch ist

Higgsfield hat den Film auf X mit dem Satz beworben, er sei zu 100 Prozent open source, alle Prompts und Assets seien öffentlich einsehbar. Das hat viele Kollegen begeistert geteilt. Ich hab mir daraufhin die Lizenz durchgelesen, und das Ergebnis ist ernüchternd.

Die Higgsfield Originals License 1.0, Study Only erlaubt genau eines: hinschauen. Du darfst den Film ansehen, die Prompt-Ketten, negativen Prompts, Parameter, Seeds, Modellauswahl, Workflows, Character Sheets und auch die verworfenen Zwischenergebnisse auf der Plattform durchklicken. Du darfst darüber schreiben, es unterrichten und diskutieren. Kurze Ausschnitte sind erlaubt, gedeckelt bei 30 Sekunden Bewegtbild oder drei Standbildern pro Beitrag, mit vorgeschriebenem Credit.

Was du nicht darfst, ist eine erstaunlich lange Liste. Kein Download, kein Screenshot als Workaround, keine Speicherung. Keine Verwendung als Input für irgendeine Generierung, auf keinem System. Kein Prompt darf kopiert und in ein eigenes Projekt übernommen werden, das nennt die Lizenz selbst die am klarsten verbotene Nutzung. Keine Bearbeitungen, keine Remixes, keine Übersetzungen, keine Untertitel, keine Fortsetzungen, keine Fan-Werke. Keine Verwendung als Trainings-, Test- oder Benchmark-Daten. Keine kommerzielle Nutzung, auch nicht im eigenen Showreel. Und die Lizenz ist jederzeit widerrufbar.

Das ist das exakte Gegenteil von Open Source. Open Source bedeutet Nutzungsrecht, Veränderungsrecht und Weitergaberecht. HOL-RO-1.0 gewährt keines davon. Higgsfield selbst formuliert das im Lizenztext übrigens völlig sauber und begründet es auch nachvollziehbar: Der Build wird veröffentlicht, damit das Handwerk sichtbar wird, nicht damit es abgeerntet wird. Die Absicht finde ich richtig. Der Marketingbegriff dafür ist trotzdem falsch.

Ich würde das eigentlich schärfer formulieren, aber so trifft es die Sache genauer: Das ist kein Open Source, das ist ein begehbares Museum. Ausstellungsstücke anschauen ja, mitnehmen nein.

Warum mich das ärgert: „Open Source“ ist ein Begriff mit einer klaren Definition, und in der KI-Branche wird er seit Jahren verwässert. Erst waren es Modelle mit offenen Gewichten und geschlossenen Trainingsdaten, jetzt ist es ein Film, den man nur anschauen darf. Wer als EPU eine Einordnung braucht, was Transparenz bei Trainingsdaten überhaupt bedeutet, merkt schnell, wie beliebig diese Wörter inzwischen eingesetzt werden.

Wie funktioniert die Lizenzierung der Gesichter?

Das ist der Teil, den ich für tatsächlich richtungsweisend halte. Jeder der vier Beteiligten hat zwei Dinge geliefert: hochauflösende Fotos und Sprachaufnahmen. Darüber lagen Verträge, die Vergütung, erlaubten Nutzungsumfang und Drehbuchfreigabe vor Produktionsbeginn geregelt haben. Jeder hat das komplette Drehbuch und sein Charakterprofil vorher gesehen und zugestimmt.

Dazu kommen drei Punkte, die ich in dieser Klarheit selten sehe: Das Quellmaterial wurde innerhalb von 30 Tagen nach Produktionsende gelöscht. Higgsfield darf es vertraglich nicht behalten, nicht damit trainieren und nicht an Dritte weiterlizenzieren.

Das ist die Umsetzung dessen, was die Branche seit drei Jahren erkämpft. Der 118 Tage dauernde SAG-AFTRA-Streik hat die ersten Einwilligungsklauseln für digitale Doubles gebracht. Der NO FAKES Act of 2026 soll dieses Prinzip in US-Bundesrecht gießen und ein eigenes Schutzrecht an Stimme und Erscheinungsbild schaffen. Higgsfield hat das nicht abgewartet, sondern vorweggenommen.

Chakater-Sheet: Anzug mit roten Hemd, dann das Gesicht

Interessant ist die Reaktion der Betroffenen. N3on hat es gegenüber Inc. sinngemäß so formuliert: Leute bauen ohnehin KI-Inhalte mit deinem Gesicht, nur verdienst du daran nichts. Die Lizenzierung sei ein Weg, dafür bezahlt zu werden. Die Agenturen von N3on und Kiatipis bieten Likeness Licensing inzwischen als reguläres Produkt an, neben Sponsoring und Werbedeals. Aus einer Verteidigungsposition wird ein Geschäftsmodell.

Wo der Film technisch noch scheitert

Nicht alles ist rund, und das gehört dazu. Der Video-Editor und Podcaster Cono Rocovelli hat gegenüber Inc. kritisiert, dass einzelne Frames leicht glitchen und die Bildrate nicht durchgehend sauber wirkt. Auffällig sei außerdem die häufige Nahaufnahme auf Gesichter, die in diesem Fall gegen den Film arbeite, weil die generierten Gesichter zu perfekt aussehen. Farbkorrektur, Ton und Grafik hat er dagegen gelobt.

Das deckt sich mit dem, was ich in meiner eigenen Arbeit sehe. Die Modelle sind bei Totalen, Bewegung und Licht mittlerweile exzellent. Sie scheitern an der Mikromimik. Ein echtes Gesicht hat Asymmetrien, Poren, kleine Fehler. Generierte Gesichter haben davon zu wenig, und im Close-up merkt das Auge das, auch wenn es nicht benennen kann, warum.

Was heißt das jetzt für EPU und KMU in der DACH-Region?

Ich beobachte in meiner Beratungsarbeit gerade zwei Reflexe, und beide sind falsch. Der eine lautet: Das ist Hollywood-Spielerei, betrifft mich nicht. Der andere lautet: Jetzt kann ich meinen Imagefilm selbst generieren. Beides trifft daneben.

Was du dir mitnehmen kannst, ist nicht die Technik, sondern die Vertragslogik. Wenn du das Gesicht einer realen Person in KI-Inhalten verwendest, egal ob Mitarbeiterin, Kunde oder Testimonial, brauchst du drei Dinge schriftlich: eine konkrete Beschreibung des Nutzungsumfangs, eine Regelung, was mit dem Ausgangsmaterial nach Projektende passiert, und eine ausdrückliche Klausel, dass keine Trainingsnutzung erfolgt. Higgsfield hat für einen Zwei-Millionen-Dollar-Film genau das aufgesetzt. Für dein Kundenprojekt gilt dasselbe Prinzip, nur kürzer.

Der zweite Punkt ist die Kennzeichnung. Seit dem 2. August 2026 ist Artikel 50 der EU-KI-Verordnung anwendbar, und fotorealistische KI-Inhalte, die realen Personen erkennbar ähneln, fallen unter den Deepfake-Begriff. Welche Bilder tatsächlich ein Label brauchen und welche nicht, habe ich ausführlich aufgedröselt. Ein generiertes Video mit dem Gesicht eines echten Menschen ist der Lehrbuchfall.

Und der dritte Punkt ist der unbequemste. Wenn du KI in Kundenarbeit einsetzt, sag es. Ich vertrete das seit Jahren und finde es nach wie vor problematisch, KI-Output als eigene handwerkliche Leistung zu verkaufen. Higgsfield macht bei diesem Film vor, wie weit Offenlegung gehen kann: Prompts, Parameter, Seeds, sogar die verworfenen Generierungen sind einsehbar. Das schauen wir uns bei dieser Produktion an und stellen fest, dass ein US-Anbieter mehr Prozesstransparenz zeigt als die meisten Agenturen im DACH-Raum.

Was ich daraus mitnehme

Ich hab bei diesem Projekt zweimal die Meinung geändert. Beim ersten Durchsehen dachte ich: beeindruckend, aber Marketing. Nach dem Lesen der Lizenz dachte ich: Etikettenschwindel. Nach dem Lesen der Vertragsdetails denke ich: Der Film ist austauschbar, das Vertragswerk ist es nicht.

Ob „The Cully Hill Boys“ als Film überlebt, entscheidet das Publikum. Was überleben wird, ist die Vorlage: Jedes verwendete Gesicht war vorher freigegeben, jede Nutzung war vertraglich begrenzt, jedes Ausgangsmaterial wurde gelöscht. Das ist der Standard, an dem sich Produktionen ab jetzt messen lassen müssen, deine eingeschlossen.

Und beim nächsten Anbieter, der sein Projekt „open source“ nennt, liest du die Lizenz. Nicht die Pressemitteilung.

Und der Film?

Den könnt ihr euch auf der Webseite von Higgsfield direkt anschauen.

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about.me
Alex Januschewsky – Zertifizierter KI-Beauftragter und Werbefachmann
Alex Januschewsky

Alex Januschewsky ist Werbefachmann, zertifizierter KI-Beauftragter (ISO 42001, EU AI Act-Konformität) und Microsoft MVP Alumni. Seit 1989 in Werbung und Design aktiv, spezialisiert auf den professionellen Einsatz von Generativer KI: kreativ, strategisch, praxisnah. Seit über 30 Jahren entwickle ich Kommunikation, die nicht auf Hype setzt, sondern auf echte Wirkung. Klar, klug und mit einem tiefen Verständnis für Technologie und Sprache. In diesem Blog teile ich Ideen, Impulse und erprobtes Wissen für Unternehmer, Entscheider und KI-Enthusiasten, die mehr wollen als Schlagwörter und bunte Versprechen.

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Alex Januschewsky, Prompt Rocker, wohnhaft in Salzburg, tätig in Österreich
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