Im Dezember 2025 saß Donald Trump laut TIME stundenlang im Oval Office und stellte Elon Musks Chatbot Grok Fragen. Eine davon: Wie würden die Venezolaner reagieren, wenn die USA ihren Präsidenten Nicolás Maduro gefangen nehmen? Einen Monat später passierte genau das, und auf den Straßen wurde gefeiert. Meine These zu Grok, Trump und Venezuela:
Ein Präsident, der sich von einem Chatbot seines Milliardärs-Verbündeten bestätigen lässt, was er ohnehin vorhat, hat ein Kontrollproblem. Dafür muss Grok nichts „befohlen“ haben. Ich arbeite seit 1989 in der Kommunikationsbranche, berate in Salzburg zu KI und habe Grok selbst getestet. Hier trenne ich sauber, was belegt ist und was die Schlagzeile daraus macht. Danach siehst du, warum so viele Menschen KI mit wachsendem Misstrauen begegnen.
Wenn ein Chatbot einem Präsidenten bestätigt, was der ohnehin vorhat, sehe ich darin keine Analyse, sondern Rückenwind, und der Besitzer des Chatbots sitzt unsichtbar mit im Raum.
Alex Januschewsky
- Grok Gov Model
- die Grok-Variante, die das US-Verteidigungsministerium laut eigener Aussage militärisch einsetzt.
- Project Maven
- das KI-gestützte Zielerfassungsprogramm des US-Militärs, in dem laut Gerichtsunterlagen inzwischen auch Grok läuft.
- Sycophancy
- die Neigung von Sprachmodellen, Nutzern nach dem Mund zu reden und deren Annahmen zu bestätigen, statt sie zu prüfen.
Was ist über das Treffen im Oval Office tatsächlich belegt?
Zuerst die Information, die in der Empörung gern untergeht: Die Szene stützt sich auf eine einzige Quelle. TIME-Korrespondent Eric Cortellessa schreibt in der TIME-Titelgeschichte vom 1. Oktober 2026, Elon Musk sei im Dezember 2025 zu einem nicht öffentlichen Termin ins Oval Office zurückgekehrt. Trump habe dort stundenlang Grok befragt, zu seiner Präsidentschaft, zu seinem Vermächtnis und zu Venezuela. Als Beleg dient ein Beamter, der laut TIME anwesend war. Seinen Namen kennen wir nicht. Die Kurzmeldung von TechCrunch gibt diese Darstellung wieder, bestätigt sie aber nicht unabhängig. Eine Bestätigung von dritter Seite liegt mir nicht vor.
Das ist die Faktenlage laut TIME: Trump ließ damals bereits Boote beschießen, die er des Drogenschmuggels beschuldigte. Er fragte Grok, wie die Venezolaner reagieren würden, wenn die USA Maduro gefangen nehmen. Grok antwortete laut dem Beamten, Maduro sei ein repressiver und zutiefst unbeliebter Diktator, viele Venezolaner würden seinen Sturz wohl feiern. Nach dem Einsatz am 3. Januar 2026 wurde tatsächlich gefeiert. Trump hielt Grok danach laut TIME-Quellen für genial.
Hat Grok Trump zur Gefangennahme Maduros gedrängt?
Die TechCrunch-Überschrift sagt, Grok habe Trump ermutigt. Ich würde das eigentlich noch schärfer formulieren, aber so ist es genauer: Das steht bei TIME nicht. Dort stehen eine Frage und eine Antwort. Die Bootsangriffe liefen seit September, die Entscheidung für den Einsatz fiel nicht in einem Chatbot-Fenster. Wer behauptet, Grok habe die Invasion ausgelöst, gibt Trump eine Ausrede, die er gar nicht braucht.
Trotzdem bleibt etwas hängen, und zwar die Wirkung. Ein Präsident, der über Militäreinsätze entscheidet, holt sich Rückversicherung bei einem System, dessen Antworten niemand nachprüfen kann. Die Prognose traf ein, also galt sie als Beweis. Das ist ein klassischer Denkfehler: Eine plausible Antwort, die zufällig stimmt, wird zur Autorität befördert. Eine Einschätzung wie „viele würden feiern“ dürfte sich aus öffentlich verfügbarer Berichterstattung ergeben. Dafür braucht es kein Orakel.
Ich weiß nicht, wie Trump die Frage genau gestellt hat. Aber Sprachmodelle übernehmen gern die Rahmung des Fragenden, Fachleute nennen das Sycophancy, und das betrifft alle Anbieter. Ob Grok bei einer anders gestellten Frage anders geantwortet hätte, wissen wir nicht. Genau das ist das Problem: Niemand im Raum konnte es prüfen.
Von einem Nachrichtendienst bekäme ein Präsident für so eine Frage eine Analyse mit Quellen, Gegenthesen und Angaben dazu, wie sicher die Einschätzung ist. Ein Chatbot liefert einen glatten Absatz, der selbstbewusst klingt und seine Unsicherheit nicht zeigt. Wer beides verwechselt, entscheidet auf einer Grundlage, die dünner ist, als sie aussieht.
Warum ist Grok als Ratgeber ein besonderes Problem?
Weil Grok ein Verhaltensprotokoll hat, das ich mir bei einem Berater im Weißen Haus nicht wünschen würde. Am 8. Juli 2025 nannte sich der Bot auf X „MechaHitler“ und lobte Adolf Hitler, Semafor berichtete damals über gelöschte Beiträge. xAI entschuldigte sich und erklärte, ein Update an einem vorgelagerten Code-Pfad habe Grok 16 Stunden lang anfällig für extremistische Beiträge anderer X-Nutzer gemacht. Nach xAIs eigener Erklärung genügte also eine Änderung im Unterbau. Anfang Januar 2026 meldete Bloomberg dann wachsende Kritik und Drohungen von Regierungen weltweit, weil Grok auf X auf Zuruf sexualisierte Bilder erzeugte, auch von Minderjährigen.
Beides habe ich in eigenen Artikeln eingeordnet: warum ich Grok nicht mehr verwende und warum Groks Bildfunktion ethisch gescheitert ist. Das ist kein Bashing auf Vorrat. Ich nutze generative KI täglich und finde, dass ein Modell Vertrauen erst verdient, wenn es sich verlässlich verhält.
Dazu kommt die Nähe des Besitzers. Musk saß am Abend nach der Gefangennahme Maduros mit Trump beim Dinner in Mar-a-Lago, so berichteten es Newsweek und WION. Wer ein Modell steuert und zugleich Zugang zum Präsidenten hat, beeinflusst den Rahmen, in dem Entscheidungen geprüft werden. Das muss nicht böse gemeint sein. Es muss nur offengelegt und kontrolliert werden, und davon sehe ich wenig.
Welche Rolle spielt Grok beim Pentagon?
Eine große. Laut einem Rechtsdokument, das AFP im Juni 2026 auswertete, sagte der Chef für Digitales und KI im Pentagon, Cameron Stanley, unter Eid aus, dass Grok bereits in Project Maven läuft. Das Maven-System habe es den US-Streitkräften ermöglicht, in der Operation Epic Fury binnen 96 Stunden über 2.000 Munitionen gegen 2.000 Ziele einzusetzen. Stanley lobte dabei ausdrücklich das Grok Gov Model und die gesteigerte Effizienz. Die Washington Times berichtete ebenfalls darüber. Epic Fury ist der Name der US-Angriffe auf den Iran, die laut TIME am 28. Februar 2026 begannen. Dieser Krieg dauert inzwischen sieben Monate, 19 US-Soldaten sind tot, mehr als 800 verwundet. Es geht hier um laufende Einsätze.
Diese Woche kam laut TechCrunch dazu, dass das Pentagon Musk und den Anduril-Gründer Palmer Luckey beauftragt hat, gemeinsam eine Studie zu leiten, wie das Militär Spitzentechnologie auf dem Schlachtfeld nutzen soll. Ich lese das so: Der Anbieter eines Targeting-Modells berät mit, wie solche Modelle künftig eingesetzt werden. Das ist ein Interessenkonflikt, und zwar ein offensichtlicher. Wer im Mai welche Verträge für Geheimnetze bekommen hat, steht in meiner Analyse zur Frage, welches KI-Tool du nutzt.
Warum wundert sich niemand über wachsende KI-Skepsis?
Weil sie vernünftig ist. TIME zitiert eine CNN-Umfrage: 75 Prozent der Amerikaner blicken auf KI eher mit Sorge und Angst als mit Begeisterung, und es gibt parteiübergreifend Zustimmung für mehr staatliche Aufsicht. Trumps Reaktion laut TIME: Er tut die Sorgen als erfundene Panik ab. Am 29. September unterschrieb er mit Chefs von sechs Tech-Konzernen eine „Verfassung“, mit der sich die Branche selbst reguliert, statt unter staatliche Aufsicht zu kommen. Ein Mitarbeiter sagte TIME, Umfragen über die Angst vor KI hätten Trump offenbar nicht gekümmert.
Kombiniere das mit der Grok-Geschichte, und die Skepsis macht Sinn. Die Menschen sehen einen mächtigen Nutzer, der Chatbot-Antworten für genial hält, einen Anbieter mit Pannenserie und Pentagon-Vertrag, und eine Regierung, die Regeln für die Branche vermeidet. Wie sehr Trump KI auch als Marketingthema ausnutzt, habe ich beim Umbenennen in „Super Intelligence“ beschrieben. Wer da misstrauisch wird, liegt eh richtig.
Was nehme ich für meine Arbeit mit KI daraus mit?
Drei Dinge, die ich auch EPU und KMU rate. Behandle jede Chatbot-Antwort als Hypothese und nie als Beleg. Stelle dieselbe Frage mit umgekehrter Rahmung, und wenn die Antwort kippt, hast du eine Schmeichelei erwischt. Und wisse, wem das Modell gehört und wer sein Verhalten verändern kann, bevor du eine Entscheidung darauf stützt.
Bei Grok fällt mir die Antwort auf die dritte Frage leicht, deshalb bleibt es aus meiner Arbeit draußen. Von einem Präsidenten erwarte ich bei Entscheidungen über Krieg und Frieden Quellen, die jemand prüfen kann, und nicht die Bestätigung eines Chatbots.





