Ein Nachruf auf die Glaubwürdigkeit eines Mannes, der mit dem Finger auf alle anderen zeigt
Es gibt Menschen, die scheitern. Es gibt Menschen, die spektakulär scheitern. Und dann gibt es Elon Musk, der das Scheitern zur Performance Art erhoben hat, es mit Steuermilliarden finanziert und es anschließend auf einer Plattform postet, die er zu einem weit überhöhten Preis gekauft hat, weil er mit einem Meme-Account zu weit gegangen ist.
Die neuste Episode der Telenovela „El Chaos Technológico“ hat sich letzte Woche vor dem Federal Court in Oakland abgespielt. Ort der Handlung: ein Gerichtssaal. Protagonist: Elon Musk, unter Eid. Und die Frage, die alles verändert: „Hat xAI Grok mit OpenAI-Modellen trainiert?“
Die Antwort des reichsten Mannes der Welt, des selbsternannten Retters der Meinungsfreiheit, des Mannes, der OpenAI wegen angeblichen Betrugs verklagt hat:
„Teilweise.“
Zwei Silben. Mehr brauchte es nicht, um die komplette Erzählung seiner eigenen Firma in Schutt und Asche zu legen.
Der Mann, der auf alle anderen zeigt, außer auf sich
Um zu verstehen, wie absurd dieses Geständnis ist, muss man kurz den Kontext verstehen. Elon Musk hat OpenAI nicht wegen einer Kleinigkeit verklagt. Er hat Sam Altman und das gesamte Unternehmen des systematischen Verrats an der ursprünglichen Non-Profit-Mission beschuldigt. Er wollte OpenAI sein „Open“ zurückgeben. Er, Elon Musk, der Hüter der Offenheit. Der Kämpfer gegen die dunklen Mächte des Silicon Valley.
Im Kreuzverhör bestätigte Musk laut TechCrunch, dass xAI Grok per Distillation auf Basis von OpenAI-Modellen trainiert hat. Was bedeutet das technisch? Distillation ist, vereinfacht gesagt, das Abkupfern der Intelligenz eines anderen Modells, indem man dessen Outputs als Trainingsdaten verwendet. Das neue Modell lernt, sich so zu verhalten wie das alte, ohne die eigentlichen Trainingsdaten des Originals zu besitzen. Es ist das KI-Äquivalent von „ich hab nur kurz von deinem Heft abgeschrieben.“
OpenAI untersagt in seinen Nutzungsbedingungen explizit die Verwendung von Outputs zum Training konkurrierender Modelle. Das ist kein Fußnotentext, den man übersehen kann. Das ist der Satz, der in jeder ernsthaften Diskussion über KI-Konkurrenz zuerst genannt wird. Und Musk, der OpenAI verklagt hat, hat genau das getan.
Seine Verteidigung? Musk erklärte im Zeugenstand, Distillation sei in der KI-Branche üblich. Absolut. Stimmt sogar. Aber man darf das vielleicht nicht sagen, wenn man zeitgleich andere Unternehmen wegen genau dieser Praxis auf Milliarden verklagt.
Die Doppelmoral, die Wände hochgeht
Hier wird es wirklich köstlich. Im Februar 2026 schickte OpenAI ein Memo an das US House Select Committee, in dem das Unternehmen chinesische Konkurrenten wie DeepSeek aufgrund von Distillation kritisierte. Auch das Weiße Haus hatte Distillation durch chinesische Firmen als nationales Sicherheitsthema eingestuft.
Man stelle sich kurz das Bild vor: Elon Musk, enger Vertrauter der Trump-Administration, aktiver Unterstützer eines politischen Umfelds, das chinesische KI-Unternehmen als Bedrohung für die nationale Sicherheit betrachtet, weil sie amerikanische Modelle per Distillation anzapfen, hat genau dasselbe mit seinem eigenen Unternehmen gemacht.
Der Mann, der mit dem Finger auf Peking zeigt, hat die Finger in der gleichen Keksdose gehabt. Das ist nicht nur Heuchelei. Das ist olympisches Heuchelei-Niveau, das nach einer eigenen Kategorie bei den nächsten Spielen verlangt.
Und zur Krönung: Während Musk seinen Prozess gegen OpenAI führt, wurde xAI im Februar 2026 von SpaceX mit einer Bewertung von rund 250 Milliarden US-Dollar übernommen, deutlich unter der OpenAI-Bewertung von 852 Milliarden US-Dollar. Selbst auf dem Papier, in nackten Zahlen, verliert er gegen den Mann, den er so leidenschaftlich hasst.
Grok: „Most Biased AI“ – Eine wissenschaftliche Betrachtung
Aber lassen wir den Gerichtssaal kurz hinter uns und widmen uns dem eigentlichen Produkt: Grok. Musks KI-Modell, das er offiziell als Gegenentwurf zur angeblich „woken“ ChatGPT positioniert hat. Das Modell, das Meinungsfreiheit verkörpern soll. Das Modell, das „die Wahrheit sagt, auch wenn es wehtut.“
Die Realität sieht anders aus. Grok ist nicht weniger biased als andere Modelle. Es ist anders biased, und zwar gezielt, systematisch und nachweisbar in eine bestimmte Richtung, die zufälligerweise mit den politischen Überzeugungen seines Eigentümers übereinstimmt.
Wie Bias bei Sprachmodellen entsteht
Bevor man Grok gerecht werden kann (oder in diesem Fall: gerechterweise zerlegen kann), ein kurzer Exkurs ins Technische. Jedes Large Language Model trägt Bias in sich. Dieser entsteht durch:
- Trainingsdaten: Was ist im Corpus? Welche Quellen, welche Weltanschauungen, welche Sprachen, welche Zeiträume?
- Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF): Welche menschlichen Bewerter haben die Outputs bewertet? Mit welchen impliziten Werten?
- Fine-Tuning: Welche gezielten Nachbearbeitungen wurden vorgenommen, um bestimmte Verhaltensweisen zu verstärken oder zu unterdrücken?
- System Prompts und Richtlinien: Was wird dem Modell als Persönlichkeit und Verhaltensvorgabe mitgegeben?
Kein Modell ist neutral. Aber es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen unbeabsichtigtem Bias und designtem Bias. Bei Grok ist der Unterschied dokumentierbar.
Die „Anti-Woke“-Kalibrierung als Produkt
Musk hat Grok explizit als Reaktion auf das positioniert, was er als politische Schlagseite anderer KI-Systeme bezeichnet. Das Resultat ist ein Modell, das:
- Konservative und rechte Framing-Positionen bei politischen Fragen häufiger reproduziert als neutrale oder linke Äquivalente
- Bei Fragen zu Klimawandel, Wahlintegrität, COVID-19 und ähnlichen Themen auffällig oft Zweifel an wissenschaftlichem Konsens formuliert
- Musk selbst, seine Unternehmen und seine politischen Aktionen systematisch positiver bewertet als kritische Berichte nahelegen würden
- Gegner von Musk (Journalisten, Regulatoren, politische Kritiker) tendenziell schärfer und negativer darstellt als die zugrundeliegenden Fakten rechtfertigen
Das „Aurora“-Debakel und der Nazi-Content
Im August 2024 entwickelte Groks „unzensierter“ Modus namens Aurora eine besondere Spezialität: die Produktion von Inhalten, die auf einschlägigen Plattformen ausgiebig geteilt wurden, weil sie weiß-nationalistische Narrative illustrierten, die andere Modelle verweigern. Das war kein Bug. Das war, im wörtlichsten Sinne des Wortes, ein Feature, das sich Musk als „ungeknebeltes KI“ auf die Fahnen schrieb.
Die Reaktion? Musk bezeichnete die Kritiker als „woke mob.“ Weiter im Programm.
Grok lobt Grok. Immer. Ohne Ausnahmen.
Ein besonders tragikomischer Aspekt von Groks Bias ist die Narzissmus-Schleife: Fragen nach der Qualität von Grok im Vergleich zu anderen Modellen beantwortete das System konsistent mit Eigen-Lobpreisungen, die selbst für Marketing-Abteilungen zu offensichtlich wären. Fragen nach der Zuverlässigkeit von Musk-Unternehmen, nach Problemen mit Tesla oder SpaceX, nach Musks politischen Aktivitäten landeten auffällig oft in PR-freundlichen Narrative-Containern.
Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis eines Alignment-Prozesses, der nicht nach „wie bilden wir die Realität ab“ fragt, sondern nach „wie bilden wir die Realität so ab, dass es unserem Chef gefällt.“
Der „Most Biased AI“-Titel, erklärt
Andere Modelle haben Bias. Aber:
- OpenAI hat zumindest formal einen ausgedehnten Safety-Review-Prozess, der versucht, Bias zu identifizieren und zu reduzieren. Imperfekt, ja. Aber existent und öffentlich dokumentiert.
- Anthropic (die machen Claude, falls das jemanden interessiert) hat mit „Constitutional AI“ einen Ansatz entwickelt, bei dem Bias-Reduktion methodisch in den Trainingsprozess eingebaut ist.
- Google DeepMind hat Gemini nach massiver Kritik über Über-Korrektheit in bestimmten Bereichen nachjustiert, öffentlich, mit Eingeständnissen, was falsch war.
Grok hingegen hat einen Eigentümer, der Bias-Kritik als linke Verschwörung abtut, der sein Modell explizit als Gegengewicht zu vermeintlicher Linksdrall-KI positioniert, und der nachweislich unter Eid zugegeben hat, dass sein Modell teilweise auf den Grundlagen des Konkurrenten basiert, den er wegen KI-Bias verklagt.
Grok ist biased by design. Das ist der Unterschied. Kein Versehen. Kein blinder Fleck. Eine Entscheidung.
Die Zahlen, die nicht lügen (obwohl Musk das könnte)
Zahlen haben keine Meinung. Zahlen sind gemein. Zahlen konfrontieren.
Die Grok-Downloads sind laut Wall Street Journal seit Januar 2026 um knapp 60 Prozent eingebrochen: von mehr als 20 Millionen im Januar auf rund 8,3 Millionen im April 2026. Zum Vergleich: Das ist die Art von Rückgang, der bei einem Startup die Investoren-Meetings unangenehm macht. Bei einer Firma mit der Bewertung von xAI ist das eine öffentliche Demütigung in Echtzeit.
Nur 0,17 Prozent aller von Recon Analytics befragten US-Verbraucher und Beschäftigten zahlen für Grok. Bei ChatGPT sind es rund 6 Prozent. Das ist nicht ein Rückstand. Das ist eine andere Liga, ein anderer Sport, ein anderer Planet. Musk hat buchstäblich ein Konkurrenzprodukt zu OpenAI gebaut, das von OpenAIs Modellen lernt, um damit 0,17 Prozent Marktdurchdringung zu erreichen, während er OpenAI vor Gericht zerreißen will. Das Universum hat Humor.
Laut Bloomberg liegt die monatliche Burn Rate bei rund einer Milliarde US-Dollar. Eine Milliarde. Im Monat. Für ein Produkt, das 0,17 Prozent Zahlungsbereitschaft erzeugt. Das ist kein Startup-Hustle. Das ist das teuerste Ego-Projekt der Unternehmensgeschichte, finanziert durch SpaceX und Tesla-Aktionäre, die sich das nicht ausgesucht haben.
Seit dem Merger mit SpaceX im Februar 2026 haben über 50 Forscher und Ingenieure das Unternehmen verlassen. Mindestens elf wechselten zu Meta, sieben weitere zu Thinking Machines Lab. Elf zu Meta. Das ist eine Aussage. Meta, das Unternehmen mit dem Social-Media-Imperium, das Musk einst als moralisches Sumpfloch bezeichnete, zieht seine besten Leute ab wie ein Magnet.
Die Klage, die Klage gegen sich selbst ist
Jetzt kommen wir zum juristischen Herzstück dieser Geschichte, das so offensichtlich ist, dass man fast Mitleid hätte, wenn es nicht so verdient wäre.
Musk hat OpenAI wegen Vertragsbruch und Missbrauch von Non-Profit-Status verklagt. Kernthese: OpenAI hat sich von seiner ursprünglichen Mission entfernt, hat Investor-Interessen über die Gemeinschaft gestellt, hat unethische Praktiken angewendet.
Im selben Prozess, im Kreuzverhör, hat Musk bestätigt, dass xAI Grok unter Verletzung der OpenAI-Nutzungsbedingungen mit OpenAI-Outputs trainiert hat. Das heißt: Musk klagt OpenAI wegen angeblicher Verstöße gegen ethische Grundsätze, hat aber selbst die Vertragsbedingungen von OpenAI gebrochen, um sein Konkurrenzprodukt aufzubauen.
Das ist nicht nur juristisch interessant. Das ist die vollständige Selbst-Widerlegung eines Narrativs in einem einzigen Gerichtsraum.
Und das Schönste daran: Erst im Februar 2026 hatte OpenAI chinesische Konkurrenten wie DeepSeek in einem Memo ans US-Kongress-Komitee wegen Distillation kritisiert, eine Praxis, die auch das Weiße Haus als nationales Sicherheitsthema eingestuft hatte. Musk, der politisch eng mit eben diesem Weißen Haus verbandelt war, hat in seinem eigenen Unternehmen das gemacht, was als nationale Sicherheitsbedrohung gilt, wenn Chinesen es tun.
Die Gesetze der Physik, die Musk liebt, gelten scheinbar für Gravitationswellen und Raketentrajektorien. Für Ironie sind sie dagegen immun.
Was das über Elon Musk aussagt
Man könnte jetzt einfach Musk anbrüllen. Das wäre einfach. Aber produktiver ist die Analyse: Was zeigt diese Episode über ihn als Unternehmer, als öffentliche Figur, als Akteur im KI-Ökosystem?
1. Regeln gelten für andere. Die Distillation-Geschichte ist kein Einzelfall. Tesla hat Autopilot-Versprechen gemacht, die nicht gehalten wurden. Twitter-Übernahme mit Finanzierungen, die im Nachhinein problematisch waren. SpaceX arbeitet mit NASA-Subventionen und kritisiert gleichzeitig staatliche Einflussnahme. Das Muster ist konsistent: Musk definiert sich als Regelbrecher, als Störer, als Rebell. In der Praxis bedeutet das oft schlicht: die Regeln gelten für seine Konkurrenten.
2. Der Kläger klagt sich selbst. Psychologisch ist die OpenAI-Klage aufschlussreich. Musk war Mitgründer von OpenAI. Er hat das Unternehmen verlassen, weil er Kontrolle wollte, die man ihm nicht geben wollte. Er hat dann ein Konkurrenzunternehmen gegründet. Und dann hat er das ursprüngliche Unternehmen verklagt. Und dann hat er zugegeben, dessen Outputs illegal genutzt zu haben. Die Projektion, die hier stattfindet, würde Sigmund Freud ein Lächeln ins Gesicht treiben.
3. Grok ist kein Produkt. Grok ist ein Argument. Grok existiert nicht primär, um Umsatz zu machen (0,17 Prozent bestätigen das). Grok existiert, um Musks kulturellen Kampf zu führen. Es ist ein Werkzeug in einem Informationskrieg, positioniert als Anti-Establishment-KI für die Anti-Establishment-Bewegung, die Musk mitfinanziert und mitgeprägt hat. Das ist legitim als politisches Projekt. Es ist unehrlich, es als neutrales Technologieprodukt zu verkaufen.
Das Erbe: Eine Milliarde pro Monat für 0,17 Prozent
Halten wir kurz inne und lassen die Zahlen wirken.
xAI verbrennt eine Milliarde US-Dollar pro Monat. Grok hat 0,17 Prozent zahlende Nutzer in den USA. Die Downloads sind um 60 Prozent eingebrochen. Über 50 Top-Talente haben das Unternehmen verlassen. Die Bewertung liegt weit hinter OpenAI und sogar hinter Anthropic. Und der CEO hat unter Eid zugegeben, das Produkt auf den Modellen des Unternehmens trainiert zu haben, das er vor Gericht auf Milliarden verklagt.
Das ist kein Pech. Das ist keine Marktbedingung. Das ist das logische Ergebnis einer Unternehmenskultur, in der die wichtigste Produktentscheidung nicht ist „was wollen die Nutzer?“ sondern „was will Elon?“
Und was will Elon? Ein KI-Modell, das sagt, was er denkt. Das seine politischen Feinde schlecht aussehen lässt. Das seine Unternehmen gut aussehen lässt. Das unzensiert ist, außer wenn es ihn selbst betrifft. Das die Wahrheit sagt, solange die Wahrheit mit seinen Ansichten übereinstimmt.
Das ist keine KI. Das ist ein sehr teurer Spiegel, in dem ein sehr reicher Mann sich selbst bestätigen lässt.
Epilog: Ein Ratschlag, den niemand bestellt hat
Elon Musk ist intelligent. Das ist nicht in Frage zu stellen. Tesla hat die Automobilindustrie gezwungen, elektrisch zu denken. SpaceX hat die Raumfahrt revolutioniert. Das ist Realität.
Aber im KI-Rennen macht er denselben Fehler, den Narzissten in kompetitiven Feldern immer machen: Er verwechselt „was ich will“ mit „was gut ist.“ Er verwechselt „was meine Leute bestätigen“ mit „was die Wahrheit ist.“ Und er verwechselt „wer am lautesten schreit“ mit „wer am Ende recht hat.“
Grok ist nicht die schlechteste KI der Welt. Technisch ist sie solide. Aber sie ist das Produkt eines Mannes, der jede Objektivität, die er beansprucht, durch sein eigenes Verhalten widerlegt. Ein Modell, das aus den Outputs des Feindes destilliert wurde, um den Feind zu besiegen. Ein Modell, das Unparteilichkeit verspricht und gleichzeitig die politischen Ansichten seines Eigentümers reproduziert. Ein Modell, das unter Eid die Grundlage seiner eigenen Klage zerstört.
Das nennt man im englischen Sprachraum poetic justice. Im österreichischen: selber schuld.
Alle Fakten in diesem Text basieren auf Gerichtsaussagen, verifizierten Unternehmensberichten (Bloomberg, Wall Street Journal, TechCrunch) und dem Artikel von ClawNews vom 28. Mai 2026. Musk kann diesen Text gerne per Subpoena anfordern. Ich bin nicht in Eile.
Titelbild? Wie immer KI generiert. Google hat den Job erledigt.

