Am 13. Juli 2023 habe ich diese Site unter dieser Domain veröffentlicht. Ich dachte damals, ich schreibe vielleicht zwanzig, dreißig Stück. Einen ordentlichen Überblick über generative KI für Unternehmer, die sich fragen, was da gerade passiert. Sachlich, praxisnah, nützlich.
Es sind 500 geworden.
Ich sage das nicht, um zu beeindrucken. Ich sage das, weil es mich selbst überrascht. Weil ich jetzt, rückblickend, verstehe, was hier eigentlich passiert ist, und weil die Antwort auf die Frage „Warum so viele?“ direkt damit zusammenhängt, warum ich morgen weiterschreibe.
Was in diesen 500 Artikeln steckt
Wer die letzten zwei Jahre auf digitalhandwerk.rocks verfolgt hat, hat im Prinzip einen Echtzeit-Bericht aus dem Maschinenraum erhalten. Kein Journalismus, keine Redaktion, kein Lektorat. Nur ich, meine Werkzeuge und das, was ich gerade herausfinde.
Ich habe über ChatGPT geschrieben, als es noch neu war und alle dachten, das sei ein cleverer Chatbot. Ich habe über Claude geschrieben, als Anthropic noch kaum jemand kannte. Über Gemini, als Google noch mit sich rang, was es damit eigentlich anfangen soll. Ich habe Midjourney erklärt, bevor der Begriff Bildprompt in österreichischen KMU-Kreisen auch nur annähernd bekannt war.
Aber ich habe auch über n8n geschrieben. Über Workflows, die tatsächlich funktionieren. Über RAG-Systeme mit AnythingLLM, die ich selbst auf Hetzner betreibe. Über den EU AI Act, ohne die Panikmache, die in deutschen Medien so beliebt ist. Über DSGVO und KI, zu einem Zeitpunkt, als noch kaum jemand in der Beraterszene das Thema wirklich ernst nahm.
Und dann die Themen, die ich aus einem persönlichen Bedürfnis heraus geschrieben habe: Vibe Coding, als mir auffiel, dass ich auf einmal Code schreibe, den ich vor zwei Jahren noch für unmöglich gehalten hätte. AIVO (AI Visual Optimization), ein Begriff, den ich selbst geprägt habe, weil es ihn vorher schlicht nicht gab. Search Everywhere Optimization als erweiterte Lesart von SEO, die ich verwende, weil das, was Google noch vor drei Jahren war, heute auf zehn verschiedenen Plattformen passiert.
Das ist kein Archiv. Das ist ein Denkprotokoll.
Was ich dabei über mich gelernt habe
Ich bin seit 1989 in der Kommunikationsbranche. Das sind über 35 Jahre. Ich war Microsoft MVP, Adobe-Trainer, habe Fachartikel als MVP in deutschen und amerikanischen Magazinen veröffentlicht, Round Table 30 in Salzburg geleitet, war B.A.C.A.-Mitglied. Ich sage das nicht aus Nostalgie, sondern weil es etwas erklärt.
Ich bin nicht aufgeregt. Ich bin neugierig.
Das klingt ähnlich, ist es aber nicht. Aufgeregte Menschen schreiben über KI, als würde jeden Montag das Rad neu erfunden. Neugierige Menschen schreiben über KI, weil sie wissen wollen, was wirklich funktioniert, wenn man den Hype weglässt.
Die 500 Artikel haben mir gezeigt, dass ich ein Muster habe: Ich teste zuerst. Dann schreibe ich. Nie umgekehrt. Das bedeutet manchmal, dass ich langsamer bin als andere Blogger. Aber es bedeutet auch, dass ich nicht über Dinge schreibe, die ich nicht selbst anfassen wollte.
Ich habe meinen Obsidian-Vault mit den 500 Blogartikeln über n8n in AnythingLLM eingespeist und dann beobachtet, welche meiner eigenen Texte zitiert werden, wenn ich das System über KI befrage. Das hat mir mehr über die Qualität meiner Inhalte gesagt als jede Google Analytics Auswertung. Das habe ich dann natürlich auch als Artikel veröffentlicht.
Das ist das Prinzip hinter diesen 500 Texten: Ich mache etwas, ich lerne daraus, ich schreibe darüber.
Die Projekte dahinter
Ein Blog entsteht nicht im Vakuum. Hinter diesen 500 Artikeln steckt eine Infrastruktur, die ich in den letzten zwei Jahren aufgebaut habe und die ich sonst nirgendwo so kompakt beschrieben habe.
VINCI ist mein persönlicher KI-Assistent: eine native Desktop-App für Windows und macOS, die ich von einer FastAPI/WebSocket-Webapp zu einer vollständigen Desktop-Anwendung weiterentwickelt habe. VINCI hat Zugriff auf meinen Kalender, meine E-Mails, meine Obsidian-Notizen mit Infos zu mir und meinen Blogs. Der Name kommt, wie bei mir üblich, aus der Renaissancegeschichte: Ein Werkzeug, das ich täglich benutze, darf auch einen Namen tragen.

Caterina ist das neueste Projekt: ein selbst-gehosteter KI-Agent auf Hetzner/Coolify, aufgebaut auf einem Fork von n8n-claw, angetrieben von Google Gemini 2.5 Flash, mit pgvector-Memory und Telegram als Interface. Sie heißt Caterina, nach Caterina Buti, Leonardos Mutter. Ich finde, wenn man einem System eine Persönlichkeit gibt, darf der Name auch eine Geschichte haben. Caterina kennt mich. Sie konsolidiert Gespräche täglich um 3 Uhr nachts in ein Langzeit-Memory und erinnert sich an das, was zählt. Seit gestern läuft sie produktiv.
STROM.DASH ist ein Energiemonitoring-Dashboard, das ich auf Mittwald betreibe, angebunden an die Salzburg Netz API, gebaut in PHP/MySQL. Weil ich wissen wollte, wieviel Strom wir eigentlich privat verbrauchen (und warum der Verbrauch so plötzlich ansteigt, wenn meine Kinder eine Gamingsession von x Stunden hinter sich haben). Kein Produkt, kein Startup, nur eine Antwort auf eine Frage, die mich beschäftigt hat.

Das KMU.DIGITAL-Förderrechner-Tool auf digitalhandwerk.rocks ist ein kleines, aber praktisches Ding: Ein Berater-Tool für österreichische Unternehmer, die wissen wollen, ob und wie viel Förderung sie für KI-Investitionen bekommen können. Gebaut, weil ich die Frage in jedem zweiten Beratungsgespräch bekomme und weil ein gutes Tool mehr erklärt als drei Absätze Text.
Und dann ist da noch n8n, mein selbst-gehostetes Automationssystem, das im Hintergrund läuft und seit Monaten stumm seine Arbeit macht: E-Mail-Klassifizierung für Klienten, WhatsApp-Workflows via Evolution API, Push-Notifikationen über ntfy.sh, Blog-Inhalte in Obsidian einspeisen. Die meisten dieser Workflows habe ich dokumentiert.

Das ist der eigentliche Grund, warum 500 Artikel möglich waren: nicht Disziplin, sondern eine Infrastruktur, die Themen produziert, indem sie Probleme löst.
Was sich verändert hat
Ich erinnere mich an den Sommer 2023 gut. KI war in Österreich noch ein Gesprächsthema auf dem Level von „hast du diesen ChatGPT schon probiert?“ Ich hatte das Gefühl, etwas zu sehen, das die meisten meiner Klientinnen und Klienten noch nicht wirklich einordnen konnten.
Heute, zwei Jahre später, ist das anders. Und trotzdem auch wieder nicht.
Die Technologie ist weiter. GPT-5.5 ist da. Gemini Pro ist in vielen Benchmarks das leistungsstärkste Modell. Claude Sonnet 4.6 ist das Modell, mit dem ich täglich arbeite. Anthropic hat sich als ernstzunehmende Alternative zu OpenAI etabliert, mit einem Ansatz, den ich für durchdachter halte. Die Modelle sind besser geworden, schneller, fähiger.
Aber die Menschen, die in EPU und KMU entscheiden, ob sie KI einsetzen oder nicht: Die sind nicht automatisch mitgekommen.
Das ist das Paradox dieser Technologie. Sie entwickelt sich schneller als die meisten Organisationen sie verarbeiten können. Ich beobachte das täglich als KI-Berater in der DACH-Region. Nicht weil Menschen dumm sind oder faul. Sondern weil der Alltag nicht anhält, nur weil Claude gerade wieder ein neues Modell veröffentlicht hat.
Das ist der Grund, warum ich weiterschreibe. Nicht um mitzuhalten. Sondern um zu übersetzen.
Die Frage, die ich mir jetzt ernsthaft stelle
500 Artikel. Das ist ein Moment für Ehrlichkeit.
Ich habe in diesen Artikeln nicht immer recht gehabt. Ich habe Tools empfohlen, die sich als flüchtig erwiesen haben. Ich habe Entwicklungen unterschätzt: den Durchbruch von Gemini im zweiten Halbjahr 2024, die Geschwindigkeit, mit der Agentic AI von einer Laborkuriosität zum Praxiswerkzeug wurde. Ich habe manche Themen zu früh behandelt und dann wieder aufgegriffen, weil sie plötzlich relevant wurden.
Das ist, ehrlich gesagt, kein Fehler. Das ist der Job.
Ein Blog über generative KI im Jahr 2023 zu beginnen und ihn bis 2026 aktuell zu halten, bedeutet nicht, alles richtig vorherzusagen. Es bedeutet, die eigene Einschätzung öffentlich zu aktualisieren, wenn die Realität eine andere ist. Das ist unbequem, aber das ist auch das Einzige, was diesen Blog von einer Pressemitteilung unterscheidet.
Die Frage, die ich mir jetzt stelle, ist nicht „wie weit komme ich noch?“ Die Frage ist: Was schreibe ich als nächstes, das sich in zwei Jahren als falsch herausstellen wird, weil ich es jetzt noch nicht besser wissen kann?
Das ist die aufrichtigere Metrik als eine Zahl.
Was die nächsten 500 Artikel bestimmt
Ich sehe drei Bewegungen, die mich in den nächsten Monaten beschäftigen werden.
Erstens: Agentic AI wird konkret. Nicht als Konzept, sondern als Infrastruktur, die ich selbst betreibe. Caterina ist der erste Schritt. Aber was passiert, wenn dieser Agent nicht nur mit mir redet, sondern für meine Klientinnen und Klienten arbeitet? Was sind die praktischen, rechtlichen, menschlichen Grenzen?
Zweitens: Die KI-Suche verändert, was Blogartikel sein müssen. Ich beschäftige mich seit Monaten mit dem Thema, das ich Search Everywhere Optimization nenne. Perplexity, AI Overviews, ChatGPT Search: Diese Systeme zitieren Inhalte anders als Google. Klarer, selektiver, rücksichtsloser. Ein Artikel, der keine zitierfähige These enthält, existiert für diese Systeme nicht. Das verändert, was ich schreibe und wie.
Drittens: Die Konvergenz von Handwerk und KI wird tiefer. Ich habe meinen Beruf in der analogen Ära gelernt: Typografie, Gestaltung, Kommunikationsstrategie, Beratung. Diese Werkzeuge werden nicht ersetzt. Sie werden erweitert. Aber nur, wenn man versteht, wo die Grenze liegt zwischen dem, was ein Modell gut kann, und dem, was ein Mensch mit 35 Jahren Erfahrung besser kann.
Das sind keine Prognosen. Das sind Beobachtungen, die ich in den nächsten Monaten zu Artikeln machen werde.
Danke. Aber nicht so.
Ich mag keine Danke-Abschnitte in Blogartikeln. Sie wirken immer ein bisschen wie eine Preisverleihung, und ich sitze hier allein am MacBook Air M4 um 14.00 Uhr, nicht auf einer Bühne.
Was ich sagen kann: Dieses Blog funktioniert, weil es gelesen wird. Weil Menschen, die in österreichischen Unternehmen Entscheidungen treffen, mir schreiben und sagen, dass sie einen Artikel gebraucht haben, bevor sie etwas ausprobiert oder abgelehnt haben. Weil Klienten kommen und sagen, ich kenne dich schon aus deinen Texten, ich weiß wie du arbeitest.
Das ist kein Social-Media-Metrik. Das ist das Ding, das zählt.
500 Artikel. Gelauncht am 13. Juli 2023. Geschrieben von einem Mann, der 1989 eine Agentur mitgegründet hat, der genau weiß, dass Technologie allein nichts löst, und der trotzdem jeden Morgen aufwacht und wissen will, was heute neu ist.
Dieser Blog ist Artikel 501. Den nächsten Artikel schreibe ich wahrscheinlich morgen früh.
Fragen zu diesem Meilenstein
Bei mir: knapp zwei Jahre, vom 13. Juli 2023 bis Mai 2026. Das entspricht ungefähr einem Artikel alle eineinhalb Tage. Ich schreibe meistens in den frühen Morgenstunden, wenn es still ist und der Kopf noch frei.
Nicht wirklich 🙂 Aber deswegen mache ich das ja auch nicht. Das Blog ist ein Reputationswerkzeug für meine Beratungstätigkeit unter digitalhandwerk.rocks. Die Inhalte bringen Sichtbarkeit, die Sichtbarkeit bringt Klienten, die Klienten bringen Gespräche, aus denen dann vielleicht neue Artikel entstehen.
Die, die ich aus echten Problemen heraus geschrieben habe. Kein „10 Tipps für KI-Einsteiger“, sondern „Ich habe AnythingLLM eingerichtet und hier ist, was wirklich passiert ist.“ Praxis schlägt Theorie. Immer.
Fang mit deiner eigenen Erfahrung an. Nicht mit dem, was du gelesen hast. Teste etwas, scheitere daran, schreib darüber. Das ist das Einzige, was in einer Welt voller KI-generierter Inhalte noch Attribution bekommt.