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Stell dir vor, ein Unternehmen würde dich bitten, jahrelang Fotos von Straßen, Gebäuden, Parks und Ampeln zu machen. Millionen davon. Aus allen Winkeln, bei jedem Wetter, zu jeder Tageszeit. Du würdest vermutlich fragen: „Was zahlt ihr mir dafür?“ Die Antwort wäre: „Gar nichts. Du machst es freiwillig, weil wir dir einen virtuellen Pinguin schenken.“

Das klingt absurd. Und trotzdem ist genau das passiert. Auf einer Skala, die jeden Datenbeschaffungsplan eines Geheimdiensts wie ein Schulprojekt aussehen lässt.

Pokémon GO: Das teuerste Dataset der Welt, bezahlt mit Glurak-Stickern

Als Pokémon GO 2016 auf den Markt kam, erkundeten Millionen von Spielern weltweit reale Orte mit ihren Smartphones, um virtuelle Kreaturen einzufangen. Was als Gaming-Phänomen begann, hat sich inzwischen in etwas technologisch wesentlich Bedeutenderes verwandelt.

Im Herbst 2020 führte Niantic das sogenannte AR Mapping ein. Spieler konnten reale Orte scannen, indem sie mit ihrer Kamera um Objekte herumgingen. Das wurde als „Field Research“ präsentiert, und wer es abschloss, bekam In-Game-Belohnungen.

Das Prinzip war bestechend einfach: Über das Research-System konnte Niantic Pokémon GO-Spieler dorthin schicken, wohin das Unternehmen wollte. Die erfassten Bilder wurden per Photogrammetrie zu detaillierten 3D-Modellen verarbeitet. Je mehr Spieler denselben Ort scannten, desto präziser wurde das Ergebnis.

Das Resultat nach acht Jahren: Niantic Spatial hat sein Modell auf 30 Milliarden Aufnahmen trainiert, die rund um mehr als eine Million sogenannter „Hot Spots“ gesammelt wurden, also Orte, die als wichtige Punkte in Niantics Spielen dienten und die Spieler aktiv aufsuchen sollten.

Jeder gescannte Ort akkumulierte Tausende von Bildern verschiedener Spieler, zu unterschiedlichen Tageszeiten, bei unterschiedlichem Wetter. Ein einziger PokéStop könnte Morgenaufnahmen bei Sonnenschein, Abendaufnahmen im Regen und Winterfotos mit Schnee haben. Keine Flotte von Kamerafahrzeugen kann diese Diversität mit demselben Budget replizieren.

Was Niantic damit macht: Lieferroboter mit Zentimeter-Genauigkeit

In May 2025 verkaufte Niantic Pokémon GO an Scopely, ein Spieleunternehmen im Besitz der saudischen Savvy Games Group. Gleichzeitig spaltete Niantic ein separates KI-Unternehmen namens Niantic Spatial ab, das die Kartierungsdaten und die Technologie behielt.

Das entstandene Visual Positioning System (VPS) ist eine computer-vision-basierte Navigationsmethode, die den genauen Standort eines Geräts durch die Analyse visueller Merkmale in der Umgebung bestimmt, also Gebäude, Schilder und Sehenswürdigkeiten. Das System identifiziert die Position, indem es Live-Kamerabilder mit zuvor aufgezeichneten Referenzbildern vergleicht.

Im Februar 2026 schloss Niantic Spatial eine Partnerschaft mit Coco Robotics, um Navigationstechnologie für die autonomen Liefermaschinen des Unternehmens bereitzustellen. Coco betreibt derzeit etwa 1.000 koffergroße Roboter in Los Angeles, Chicago, Jersey City, Miami und Helsinki. Das Unternehmen gibt an, bereits über 500.000 Lieferungen abgeschlossen zu haben.

GPS verschlechtert sich in dichten Städten erheblich, wobei Positionsschätzungen um Dutzende Meter abweichen, wenn Signale an Glas und Beton reflektieren. Dieser Fehlergrad kann einen Lieferroboter in den falschen Block oder sogar auf die falsche Straßenseite bringen. Das VPS löst genau dieses Problem durch visuelle Mustererkennung mit Zentimeter-Präzision.

Das „freiwillig“-Argument: Wahr, aber irreführend

Hier wird es kritisch. Und ich finde, wir müssen das ehrlich auseinandernehmen, weil die Wahrheit komplizierter ist als der empörte LinkedIn-Post suggeriert.

Laut Niantic mussten Spieler bewusst wählen, Scans und Videos öffentlicher Standorte anonym einzureichen, um das visuelle Positionierungssystem zu verbessern. Das Unternehmen betont, dass die Teilnahme vollständig optional sei und ein aktives Scannen spezifischer Sehenswürdigkeiten erfordere.

Die Cube-Redaktion von Euronews testete das Spiel und stellte fest, dass beim Ausrichten einer Smartphone-Kamera auf eine Statue eine Meldung erscheint, die darüber informiert, dass der Nutzer zur Entwicklung der Augmented-Reality-Kartierungstechnologie beiträgt und seine Daten mit einem Drittanbieter geteilt werden.

Also: Es gab einen Hinweis. Es gab sogar eine Zustimmung. Aber mal ehrlich: Niantics Nutzungsbedingungen erlauben dem Unternehmen, spielereingereichte Daten beliebig zu verwenden und diese Freiheit an andere Unternehmen weiterzugeben. Spieler stimmten dem bei der Installation der App zu. Aber wie Popular Science angemerkt hat, sind Zustimmung zu Bedingungen und das Verstehen, wozu man sich verpflichtet, zwei verschiedene Dinge.

Genau da liegt das eigentliche Problem. Nicht Illegalität. Sondern ein strukturelles Informationsgefälle, das bewusst aufrechterhalten wird.

reCAPTCHA: Derselbe Trick, noch größerer Maßstab

Pokémon GO ist kein Einzelfall. Das Muster ist älter.

Zwischen 2014 und 2017 erfuhr reCAPTCHA eine grundlegende Transformation. reCAPTCHA v2 bewegte sich weg von der Entzifferung von Wörtern hin zur Beschriftung realer Bilder. Nutzer wurden nun aufgefordert, „alle Felder mit Ampeln auszuwählen“, „auf Bilder mit Straßenschildern zu klicken“ oder „alle Felder mit Fußgängerüberwegen zu identifizieren“.

Auf dem Höhepunkt wurden täglich 200 Millionen reCAPTCHAs gelöst. Jede Aufgabe dauerte 10 Sekunden, was bedeutet, dass täglich 2 Milliarden Sekunden menschlicher Arbeit erbracht wurden, das entspricht 500.000 Stunden pro Tag. Der Marktpreis für professionelle Datenannotation liegt zwischen 10 und 50 Dollar pro Stunde. Zum Mindestpreis entspricht der täglich kostenlos extrahierte Arbeitswert bis zu 5 Millionen Dollar.

Nutzer, die Ampeln identifizierten, taten dies, ohne zu merken, dass sie dabei halfen, selbstfahrende Autos zu entwickeln. Damit trugen sie zur Entwicklung von Googles Algorithmen für Dienste wie Google Photos und Google Lens bei.

Waymo, Googles Projekt für selbstfahrende Autos, schloss 2024 über 4 Millionen bezahlte Fahrten ab und wird mit 45 Milliarden Dollar bewertet. Sein Fundament wurde von jenen „unbezahlten Internetnutzern“ gelegt, die einfach nur ihre E-Mails abrufen wollten.

Und der Trick wird raffinierter: reCAPTCHA v3, eingeführt 2018, zeigt gar keine Herausforderungen mehr an. Es analysiert, wie du deine Maus bewegst, wie schnell du scrollst und wie lange du auf einer Seite bleibst. Dein Verhaltens-Fingerabdruck verrät, ob du ein Mensch bist, und diese Verhaltensdaten fließen ebenfalls zurück in Googles KI-Systeme.

Das Muster hinter dem Muster: Incentive Design als Datenmaschine

Was Niantic mit Pokémon GO und Google mit reCAPTCHA gemacht haben, folgt derselben Blaupause. Und diese Blaupause ist kein Zufall, sondern Strategie.

Der entscheidende Schachzug war nicht die Karte, sondern das Incentive Design. Pokémon GO verwandelte Millionen von Spielern in unbezahlte Edge-Case-Jäger und ließ den Daten-Exhaust wie Spiel erscheinen.

Das ist das Geniale und gleichzeitig das Beunruhigende daran. Du wirst nicht ausgetrickst durch eine dunkle Schnittstelle oder einen irreführenden Text. Du wirst incentiviert. Du bekommst etwas, das sich gut anfühlt: einen Seltenen fangen, Zugang zu einer Website, ein paar In-Game-Items. Die eigentliche Transaktion läuft parallel, unsichtbar und für die meisten Menschen vollkommen unverständlich in den Nutzungsbedingungen versteckt.

Der Satz „Wenn das Produkt kostenlos ist, bist du das Produkt“ beschreibt das Prinzip, aber er ist inzwischen zu grob. Präziser wäre: Wenn der Spaß kostenlos ist, ist deine Arbeit das Produkt.

Was du jeden Tag unbezahlt lieferst

Das Pokémon GO- und reCAPTCHA-Beispiel ist spektakulär, weil es so konkret ist. Aber die Mechanik dahinter ist überall.

Jeder Like auf Instagram trainiert den Empfehlungsalgorithmus. Jede Watchtime-Sekunde auf YouTube kalibriert das Retention-Modell. Jede Suchanfrage verfeinert Googles Ranking-Verständnis. Jede Korrektur, die du in einem Sprachassistenten machst, verbessert das Sprachmodell. Jede Produktbewertung trainiert Kaufentscheidungs-KI.

Du bist nicht nur Konsument. Du bist gleichzeitig Annotator, Tester, Datenpunkt und Qualitätsprüfer. Unbezahlt, meist unwissend, immer systematisch.

Warum das ein strukturelles Problem ist, kein Verschwörungsnarrativ

Ich sage das bewusst so direkt: Wer das als „Verschwörungstheorie“ abtut, denkt nicht scharf genug. Fünfhundert Millionen Menschen installierten die App innerhalb von 60 Tagen. Das Spiel zog 2024 noch immer über 100 Millionen Spieler an, acht Jahre nach dem Start. Die resultierende Datenmenge ist nicht das Ergebnis eines heimlichen Plans, sondern eines sehr öffentlich zugänglichen, aber bewusst intransparent kommunizierten Geschäftsmodells.

Das eigentliche Problem ist das Informationsasymmetrie-Design. Unternehmen wie Niantic oder Google verfügen über volle Transparenz darüber, was mit deinen Daten passiert. Du nicht. Und die AGB, in denen es steht, sind nicht dazu gemacht, verstanden zu werden. Sie sind dazu gemacht, rechtlich wasserdicht zu sein.

Niantic betonte 2024, dass alle Scan-Features vollständig optional sind und explizite Nutzeraktionen erfordern. Das stimmt formal. Aber „optional“ in einem System, das primär auf Sammlung ausgelegt ist, bedeutet etwas anderes als „optional“ in einem System, das primär auf Information ausgelegt ist.

Was sich ändern muss und was du tun kannst

Ich bin kein Digitalpessimist. Technologie ist nicht per se böse, und Niantic hat tatsächlich etwas Beeindruckendes gebaut. Niantic Spatial arbeitet an dem, was CEO John Hanke eine „Living Map“ nennt: eine hyper-detaillierte virtuelle Simulation der Welt, die sich verändert, wenn die Welt sich verändert. Während Roboter von Coco und anderen Unternehmen die Welt durchqueren, liefern ihre Sensoren neue Quelldaten, die Niantics Karten immer weiter verfeinern.

Das ist technologisch faszinierend. Aber es wirft fundamentale Fragen auf, die weder die Tech-Branche noch der Gesetzgeber bisher ernsthaft beantwortet hat:

  • Datenwertbeteiligung: Wenn meine Scans einen kommerziellen Wert für Coco Robotics haben, warum partizipiere ich dann an keinem Cent davon?
  • Informierte Zustimmung: Warum ist ein Consent-Screen in einem Spiel akzeptabel, wenn der wirtschaftliche Wert der resultierenden Daten in Hunderten von Millionen Dollar liegt?
  • Zweckbindung: Du hast zugestimmt, zur Verbesserung des Spiels beizutragen. Dass deine Daten jetzt kommerzielle Roboternavigation antreiben, ist ein anderer Zweck.

Der EU AI Act und die DSGVO beginnen, diese Fragen zu adressieren. Aber der Regelungsrahmen hinkt der Praxis massiv hinterher.

Was du konkret tun kannst: Informiere dich, welche Apps auf deiner Kamera-Hardware arbeiten, lies die Datenschutzhinweise der Apps, die du aktiv nutzt (zumindest die Kurzversion), und hinterfrage das Freemium-Versprechen. Kostenlos bedeutet immer: Du zahlst mit etwas anderem. Die Frage ist nur, ob du weißt, womit.

Das Unbehagen ist berechtigt

Die 143 Millionen Pokémon GO-Spieler haben etwas Erstaunliches gebaut. Aber sie wurden dabei nicht als Partner behandelt. Sie wurden als Infrastruktur behandelt.

Und das ist kein Betrug im juristischen Sinne. Es ist Design. Präzises, durchdachtes Design, das menschliche Motivationen, also Neugier, Spieltrieb, den Drang nach Belohnung, systematisch in industriellen Rohstoff verwandelt.

George Orwell hätte das nicht als Dystopie beschrieben, in der der Staat zuschaut. Er hätte es als die viel beunruhigendere Variante erkannt: eine Welt, in der du selbst die Kamera hältst und dabei lachst.

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Alex Januschewsky – Zertifizierter KI-Beauftragter und Werbefachmann
Alex Januschewsky

Alex Januschewsky ist Werbefachmann, zertifizierter KI-Beauftragter (ISO 42001, EU AI Act-Konformität) und Microsoft MVP Alumni. Seit 1989 in Werbung und Design aktiv, spezialisiert auf den professionellen Einsatz von Generativer KI: kreativ, strategisch, praxisnah. Seit über 30 Jahren entwickle ich Kommunikation, die nicht auf Hype setzt, sondern auf echte Wirkung. Klar, klug und mit einem tiefen Verständnis für Technologie und Sprache. In diesem Blog teile ich Ideen, Impulse und erprobtes Wissen für Unternehmer, Entscheider und KI-Enthusiasten, die mehr wollen als Schlagwörter und bunte Versprechen.

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