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ChatGPT

OpenAI killt Sora: Was bleibt, wenn die Hype-Maschine stoppt

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Es war der 24. März 2026. Auf X erschien ein kurzer Post vom offiziellen Sora-Account: „We’re saying goodbye to Sora.“ Kein langer Abschied. Keine Erklärung. Nur ein knappes Dankeschön an die Community, die Zusicherung, bald mehr Details zu teilen, und das war es. Ein Produkt, das OpenAI noch vor einem halben Jahr als Revolution des kreativen Ausdrucks angepriesen hatte, wurde still und leise zu Grabe getragen.

Ich habe das mit einer Mischung aus Faszination und einem deutlichen Gefühl von „hab ich mir gedacht“ verfolgt. Nicht weil ich gegen KI-Video bin. Das bin ich nicht. Sondern weil Sora von Anfang an ein Lehrstück dafür war, wie man Technologie auf die falsche Art in die Welt bringt.

Vom App-Store-Hype zum Absturz in sechs Monaten

Lass mich kurz die Fakten sortieren, damit klar ist, worüber wir reden.

OpenAI hatte Sora als Text-to-Video-Modell bereits im Februar 2024 als Preview vorgestellt, bevor die erste öffentliche Version im Dezember desselben Jahres erschien. Die eigenständige Sora-App folgte dann im September 2025, mit dem Sora 2-Modell und einer Standalone-App, die es Nutzern ermöglichte, sich selbst in Kurzvideos einzufügen.

Der Start war beeindruckend. Sora übertraf beim Wachstum sogar ChatGPT, sammelte über eine Million Downloads in zehn Tagen und erreichte im November 2025 den Peak mit 3,3 Millionen Downloads und einem monatlichen Konsumentenausgaben von 540.000 Dollar.

Und dann? Absturz.

Downloads brachen von über 3,3 Millionen im November 2025 auf rund 1,1 Millionen im Februar 2026 ein. Die gesamten In-App-Käufe in der Lebenszeit der App: 2,1 Millionen Dollar. Weit zu wenig, um die Kosten zu rechtfertigen.

Zum Vergleich: ChatGPT verzeichnet fast 900 Millionen wöchentlich aktive Nutzer. Soras Versagen, Mainstream-Adoption zu erreichen, ist daran gemessen brutal.

15 Millionen Dollar pro Tag für Wegwerfvideos

Jetzt kommen wir zum eigentlichen Problem. Und das ist kein kleines.

Schätzungen von Forbes und Branchenexperten beziffern die Betriebskosten von Sora auf über 5 Milliarden Dollar jährlich, also rund 15 Millionen Dollar täglich. Für ein Produkt, das in seiner gesamten Laufzeit 2,1 Millionen Dollar Umsatz generiert hat.

Das ist keine schlechte Kalkulation. Das ist gar keine Kalkulation.

OpenAI-CEO Sam Altman räumte selbst ein, dass es immense Nutzung gebe, bei der Menschen einfach lustige Memes erstellen, um sie drei Freunden zu schicken, und dass es kein Werbemodell gebe, das die Kosten einer solchen Welt decken könne.

Man muss das kurz sacken lassen. Der CEO von OpenAI hat öffentlich gesagt, das Geschäftsmodell funktioniert nicht, und das Produkt lief trotzdem weiter. Monatelang.

Bill Peebles, OpenAIs Head of Sora, erklärte bereits im Oktober 2025 in bemerkenswerter Offenheit: „The economics are currently completely unsustainable.“

Completely unsustainable. Im Oktober. Das Produkt lief bis März 2026. Fünf weitere Monate.

Was sagt das über die Entscheidungskultur bei OpenAI aus? Nichts Beruhigendes.

Der Deepfake-Schlachtplatz

Die wirtschaftliche Katastrophe war das eine. Die inhaltliche das andere.

TechCrunch bezeichnete Sora als „the creepiest app on your phone“. Das Feature „Characters“, ursprünglich „Cameos“ genannt, erlaubte das Einscannen von Gesichtern für realistische Deepfakes, mit Sicherheitsschranken, die Nutzer allzu leicht umgehen konnten.

Die Beispiele waren beunruhigend: beängstigende Sam-Altman-Klone, Deepfakes von verstorbenen Persönlichkeiten wie Martin Luther King Jr. und Robin Williams, was öffentliche Beschwerden der Familien auslöste.

Sora war von Beginn an ein unter-moderierter Minenfeld. Statt zu klagen, gab Disney, ein notorisch streitlustiges Unternehmen, OpenAI eine Milliarden-Dollar-Investition und einen Lizenzvertrag.

Das ist das Absurdeste an dieser Geschichte. Disney sah eine App, auf der Nutzer Deepfakes von realen und fiktiven Figuren generierten, Mario beim Kiffen und Pikachu in ASMR-Videos, und entschied sich für eine Partnerschaft statt für Klage.

Und auch diese Entscheidung endete im März 2026 im Nichts.

Das Disney-Debakel: Eine Milliarde, die nie floss

Im Dezember 2025 sorgte ein Deal zwischen Disney und OpenAI für Aufsehen: ein drei Jahre laufender Lizenzvertrag, der es Sora erlaubt hätte, User-generierte Videos mit mehr als 200 maskierten, animierten oder Creature-Charakteren aus dem Disney-, Marvel-, Pixar- und Star-Wars-Universum zu erstellen. Zusätzlich plante Disney eine Milliarden-Dollar-Beteiligung an OpenAI.

Kein Geld ist je geflossen.

Mit der Einstellung von Sora ist auch dieser Deal Geschichte. Disney teilte mit, es respektiere OpenAIs Entscheidung, das Video-Generierungsgeschäft zu verlassen, und werde weiterhin KI-Plattformen erkunden.

Die diplomatische Formulierung dahinter: Wir sind froh, dass wir nichts überwiesen haben.

Was bleibt, ist das Bild eines Unternehmens, das einen Milliarden-Deal mit einem der mächtigsten Medienkonzerne der Welt schließt und diesen Deal drei Monate später für gegenstandslos erklärt. Ohne Erklärung. Ohne Entschuldigung. Mit einem Tweet.

Sam Altman und die Kunst der nebulösen Kommunikation

Apropos Kommunikation. OpenAI hat bei der Einstellung von Sora keine einzige konkrete Begründung geliefert.

Das Unternehmen erklärte lediglich, man müsse Kompromisse bei Produkten mit hohen Rechenkosten eingehen, und das Sora-Forschungsteam werde sich auf World-Simulation-Research zur Förderung von Robotik konzentrieren.

World Simulation Research. Das ist die Art von Phrase, die nach Substanz klingt, aber nichts sagt. Es ist der Unternehmenskommunikations-Äquivalent eines leeren Kartons mit der Aufschrift „Zukunft“.

Gleichzeitig signalisierte OpenAI intern, dass sich das Unternehmen seit der Veröffentlichung von GPT-5.2 in einer Art „Code Red„-Modus befindet, ausgelöst durch Googles Gemini 3 Pro, und versucht, mit Produkten für Programmierer und Datenanalysten Enterprise-Kunden zu gewinnen, die als Weg zur Profitabilität gesehen werden.

Das ist die eigentliche Nachricht hinter dem Sora-Aus: OpenAI befindet sich im Profitabilitäts-Modus und orientiert sich in Richtung IPO. Alles, was den Weg dorthin kostet und nichts einbringt, fliegt raus.

Der IPO-Elefant im Raum

Die Einstellung des ressourcenintensiven KI-Tools kommt vor einem erwarteten Börsengang von OpenAI in den kommenden Monaten.

OpenAI projiziert für den Zeitraum 2026 bis 2029 einen Cashburn von 218 Milliarden Dollar, also 111 Milliarden Dollar mehr als interne Prognosen noch vor zwei Quartalen.

218 Milliarden Dollar Verlust in vier Jahren. Für ein Unternehmen, das an die Börse gehen will, ist das eine ziemlich unangenehme Zahl im Prospekt. Sora war nicht der einzige Kostentreiber. Aber Sora war ein Symbol für eine bestimmte Art von Denken, das sich OpenAI nun offenbar nicht mehr leisten will: Milliarden verbrennen für virale Consumer-Momente ohne tragfähiges Geschäftsmodell dahinter.

Zum Vergleich: Anthropic hat sich konsequent auf Text und Code konzentriert und soll inzwischen einen annualisierten Umsatz von fast 14 Milliarden Dollar erzielen.

Das sind zwei unterschiedliche Philosophien des KI-Aufbaus. Und eine davon scheint besser zu skalieren.

AI Slop: Was entsteht, wenn Inhalt keinen Bestand hat

Ich möchte einen Schritt zurücktreten und über das reden, was Sora inhaltlich produziert hat. Nicht technisch. Inhaltlich.

Die ehrlichste Beschreibung kommt aus der Branche selbst. Das Ergebnis heißt „Slop„. Damit ist KI-generierter Inhalt gemeint, der schnell produziert wird, viralen Zwecken dient und nach 24 Stunden bedeutungslos ist. Mario beim Kiffen. Pikachu in ASMR. Sam Altman unter Schweinen.

Das App hatte die Ambition, wie ein KI-first TikTok zu funktionieren und klonte die vertraute vertikale Video-Feed-Oberfläche.

TikTok. Das Vorbild war also eine Plattform, deren Hauptprodukt der Aufmerksamkeits-Loop ist: content für den nächsten Swipe, nicht für die nächste Generation. Und OpenAI hat Milliarden in Compute investiert, um genau dieses Versprechen zu erfüllen.

Laut WSJ waren OpenAI-Mitarbeiter von Beginn an überrascht, wie viel Compute das Projekt im Verhältnis zur Nachfrage konsumierte. Video ist strukturell auf jeder Ebene teurer: Auflösung, Dauer, Szenenkomplexität und die Anzahl der Iterationen tragen alle zu den Rechenkosten bei. Ein 4K-Video-Clip ist um Größenordnungen ressourcenintensiver als ein vergleichbares Bild.

Anders formuliert: OpenAI hat die teuerste Infrastruktur der Technologiegeschichte gebaut, damit Menschen kostenlos digitalen Wegwerfinhalt produzieren können.

Was das für die KI-Branche bedeutet

Sora ist gescheitert. Aber Video-KI ist nicht gescheitert.

Runway Gen-4 zielt weiterhin auf Enterprise und Agenturen ab. Google entwickelt Veo 3 weiter. Zusammen generierten diese Plattformen 2025 über 8 Millionen KI-Videos. Soras Scheitern ist unternehmensspezifisch, nicht branchenspezifisch.

Pika Labs etwa operiert profitabel bei 8 Dollar pro Monat mit Generierungszeiten zwischen 30 und 90 Sekunden. Sora benötigte 5 bis 8 Minuten Compute pro Video bei 200 Dollar im Monat. Die Mathematik hat nie funktioniert.

Das ist die eigentliche Lehre: Technologische Überlegenheit schützt nicht vor falschen Entscheidungen beim Geschäftsmodell. Sora war technisch beeindruckend. Wirtschaftlich war es ein Trümmerfeld.

Und das Beunruhigende daran: OpenAI wusste es. Bill Peebles, OpenAIs Head of Sora, hatte bereits im Oktober 2025 festgestellt, dass „the economics of Sora are currently completely unsustainable“. Das Unternehmen hat das Produkt trotzdem noch fünf weitere Monate laufen lassen, einen Milliarden-Deal mit Disney abgeschlossen und ihn drei Monate später still beerdigt.

Das ist keine schlechte Technologie. Das ist schlechte Unternehmensführung.

Was Unternehmen jetzt daraus lernen sollten

Wenn du als KMU oder Selbstständiger KI-Tools in deine Arbeit integrierst, dann stell dir bei jedem Werkzeug die Frage: Was entsteht hier eigentlich? Ein Ergebnis mit Bestand oder ein Ergebnis, das morgen niemanden mehr interessiert?

Das ist keine philosophische Frage. Das ist eine strategische.

KI-generierter Inhalt, der deinen Kunden hilft, eine Entscheidung zu treffen, ein Problem zu lösen oder etwas zu verstehen, hat Wert. KI-generierter Inhalt, der in zehn Sekunden konsumiert und vergessen wird, ist teurer Ressourcenverbrauch, auch wenn du selbst nicht für den Compute bezahlst.

Sora hat das auf die härteste denkbare Art demonstriert: mit 15 Millionen Dollar täglich und einer Lebenszeit von sechs Monaten.

Für uns als Nutzer von KI-Tools bedeutet das konkret: Nutze Videogeneratoren wie Runway, Kling oder Pika Labs gezielt für Inhalte, die einen klaren Zweck erfüllen. Erklärvideos, Produktdemonstrationen, visuelle Unterstützung für konkrete Kommunikationsziele. Nicht für virale Experimente um ihrer selbst willen.

Die Technologie ist da. Die Frage ist immer: Wozu?

Das Ende einer Ära, die nie wirklich begonnen hat

OpenAI hat mit Sora eine Wette auf eine Welt gemacht, in der AI-generierte Kurzvideos das nächste große soziale Medium werden. Diese Wette hat verloren.

Nicht weil die Technologie nicht beeindruckend war. Sondern weil beeindruckende Technologie kein Geschäftsmodell ersetzt. Weil ein viraler Launch keine nachhaltige Nutzung garantiert. Und weil eine Milliarden-Dollar-Partnerschaft mit Disney nichts wert ist, wenn das Fundament darunter aus Sand besteht.

OpenAI lenkt seine Bemühungen von breit gestreuten Consumer-Produkten weg und auf Produkte zu, die stärker auf Geschäftskunden ausgerichtet sind.

Das ist die richtige Entscheidung. Sie kommt etwa achtzehn Monate zu spät.

Sora war ein teures Lehrstück darüber, was passiert, wenn man Ressourcen in Produkte pumpt, deren primäres Ergebnis Vergänglichkeit ist. Irgendwann fragt jemand: Und was haben wir dafür bekommen?

Im Fall von Sora lautet die Antwort: 2,1 Millionen Dollar Umsatz, einen aufgelösten Disney-Deal, und eine Menge Videos von rauchenden Nintendo-Charakteren.

Ich werde das in Workshops als Fallbeispiel verwenden. Unter dem Titel: Wie man eine Milliarde verbrennt, ohne zu merken, dass es keine Flamme gibt.

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Alex Januschewsky – Zertifizierter KI-Beauftragter und Werbefachmann
Alex Januschewsky

Alex Januschewsky ist Werbefachmann, zertifizierter KI-Beauftragter (ISO 42001, EU AI Act-Konformität) und Microsoft MVP Alumni. Seit 1989 in Werbung und Design aktiv, spezialisiert auf den professionellen Einsatz von Generativer KI: kreativ, strategisch, praxisnah. Seit über 30 Jahren entwickle ich Kommunikation, die nicht auf Hype setzt, sondern auf echte Wirkung. Klar, klug und mit einem tiefen Verständnis für Technologie und Sprache. In diesem Blog teile ich Ideen, Impulse und erprobtes Wissen für Unternehmer, Entscheider und KI-Enthusiasten, die mehr wollen als Schlagwörter und bunte Versprechen.

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