Ich mache Kommunikationsdesign seit 1989. Ich habe erlebt, wie Desktop Publishing den Bleisatz verdrängt hat. Ich habe Clipart-CDs gesehen, Powerpoint-Logos, Fiverr-Pakete für 5 Dollar, Canva-Templates für alle. Und jetzt generative KI. Was mich an diesem Moment anders trifft: Nicht die Technologie. Sondern die Stille danach.
Niemand beschwert sich. Niemand vermisst etwas. Und genau das ist das Problem.
Was hier wirklich passiert
KI macht schlechtes Design nicht besser. Sie macht es billiger. Und das Gefährliche daran ist: Die meisten Auftraggeber merken es nicht, weil sie nie gelernt haben, was gutes Design eigentlich leistet.
Das ist keine Kritik an den Auftraggebern. Es ist eine Bestandsaufnahme. Kommunikationsdesign war immer eine Disziplin, deren Wert sich im Verborgenen zeigt: in der Konsistenz über alle Medien, in der Wiedererkennbarkeit nach drei Sekunden, in dem Gefühl, das ein Unternehmen ausstrahlt, bevor es auch nur ein Wort gesagt hat. Diesen Wert sieht man nicht, wenn er vorhanden ist. Man spürt ihn erst, wenn er fehlt. Und auch dann nur, wenn man gelernt hat, hinzuschauen.
Zur Klarheit, weil die Begriffe oft durcheinandergeraten
AI Slop bezeichnet KI-generierte Inhalte, die technisch korrekt, aber inhaltlich leer sind. Der Begriff kommt ursprünglich aus der Diskussion um KI-Texte, gilt aber inzwischen genauso für Bilder, Webseiten und Designs: Alles glatt, alles gleichförmig, nichts Eigenes.
Corporate Identity (CI) ist das strategische Gesamtbild eines Unternehmens: Wie es auftritt, was es kommuniziert, wie es sich von anderen unterscheidet. CI umfasst das Logo, die Farbwelt, die Typographie, den Kommunikationsstil und die Werte dahinter.
Corporate Design (CD) ist der visuelle Teil dieser Identität: das Logo, die Farben, die Schriften, die Templates. CD ist das Werkzeug, CI ist der Auftrag.
Das hängt zusammen, ist aber nicht dasselbe. Und wer nur das Werkzeug bestellt, aber den Auftrag nicht versteht, bekommt etwas, das aussieht wie ein Unternehmen, aber keines ist.
Was konkret weniger wird
Ich spreche hier nicht von abstrakten Markttrends. Ich spreche von meiner eigenen Beobachtung als KI-Berater, der seit Jahren mit EPU und KMU in Österreich und dem DACH-Raum arbeitet.
Anfragen für einfache Logodesigns: weniger. Visitenkarten, Briefpapier, einfache Geschäftsdrucksorten: weniger. Die klassischen Einsteigerprojekte, mit denen Designer ihre ersten Kundenkontakte aufgebaut haben, verschwinden. Das ist real.
Was kommt stattdessen? Canva-Logos mit Midjourney-Elementen. Adobe-Firefly-Grafiken auf selbst zusammengesetzten Word-Layouts. Und immer öfter: nichts. Weil jemand glaubt, er hat es selbst erledigt.
Ich sage das ohne Bitterkeit. Diese Kunden waren oft auch vorher nicht bereit, für professionelles Design zu zahlen. Den Verlust von Aufträgen, die nie wirklich rentabel waren, muss man nicht betrauern. Aber man muss verstehen, was der Markt gerade entscheidet, und was er dabei übersieht.
Was ein Logo kann, das ein Bild nicht kann
Hier ist, was ich in der Praxis beobachte, wenn Unternehmen ihr Corporate Design mit KI-Tools selbst erstellen:
Das Ergebnis funktioniert als PNG. Es sieht ordentlich aus auf der Visitenkarte, halbwegs akzeptabel auf der Website. Aber dann beginnen die stillen Fehler.
Das Logo lässt sich nicht skalieren, ohne auszufransen, weil es als Rastergrafik generiert wurde und keine Vektorbasis hat. Die Schriftart, die die KI gewählt hat, ist nicht lizenziert oder nicht kompatibel mit der Druckerei. Die Farben haben keinen definierten Pantone-Wert, keinen CMYK-Wert für den Offsetdruck, keinen konsistenten Hex-Code für die Website. Jede Abteilung, jeder Lieferant, jede neue Anwendung produziert leichte Abweichungen, bis das Unternehmen in drei Jahren fünf verschiedene Blautöne hat und niemand mehr weiß, welcher der richtige ist.
Das ist keine Theorie. Das ist ein handwerkliches Problem, das ich seit Jahren kenne, und das mit KI-generierten Designs nicht besser, sondern systematischer wird.
Marty Neumeier, Autor von „The Brand Gap“ und einer der einflussreichsten Denker zum Thema Markenidentität, hat das vor Jahren so formuliert: Eine Marke ist nicht das, was du sagst, dass du bist. Es ist das, was andere sagen, dass du bist. Ein KI-generiertes Logo hat keine Meinung dazu. Es hat keinen Kontext, keine Strategie, keine Entscheidung dahinter. Es hat einen Prompt.
Was KI wirklich kann und was sie nicht kann
Ich teste diese Tools selbst, regelmäßig und mit echten Projekten. Midjourney, Adobe Firefly, Stable Diffusion, die neueren Ansätze in ChatGPT und Gemini. Ich weiß, was sie liefern können, und ich weiß, was sie nicht liefern.
Was sie können: Stimmungsbilder, Inspirationsmaterial, erste Entwurfsrichtungen, Variationen über einen definierten Stil, schnelle Visualisierungen für Briefings. Das ist nützlich. Das ist auch das, wofür ich sie einsetze.
Was sie nicht können: Verstehen, warum ein Unternehmen so heißt, wie es heißt. Wissen, dass der Gründer grün nie mochte, weil er damit eine schlechte Erfahrung verbindet. Einschätzen, dass die Zielgruppe in einer konservativen Branche tätig ist, in der ein verspieltes Logo eher Misstrauen erzeugt. Beurteilen, ob der Wettbewerb genau dieselbe Bildsprache verwendet und das neue Logo also exakt das Falsche macht, nämlich: unsichtbar bleiben.
Design ist kein ästhetisches Problem. Es ist ein Kommunikationsproblem. Und Kommunikationsprobleme löst man nicht mit Bildgeneratoren.
Die eigentliche Gefahr: Das Unsichtbare
Paula Scher, Designerin bei Pentagram und eine der bekanntesten Grafikerinnen der Welt, hat in Interviews oft betont, dass das Handwerk nicht der Punkt ist. Der Punkt ist das Denken dahinter. Das Handwerk ist das Ergebnis dieses Denkens.
KI liefert Handwerk ohne Denken. Und das Tückische daran ist: Es sieht aus wie Denken. Es sieht sogar manchmal sehr gut aus.
Ein schlechter Text fällt schnell auf. Schlechtes Design wirkt subtil. Es erzeugt kein direktes „das ist falsch“, sondern ein diffuses „irgendwie macht das nichts mit mir“. Dieses Gefühl ist nicht messbar, und deshalb wird es nicht budgetiert. Bis ein Unternehmen merkt, dass seine Marke bei niemandem hängenbleibt, sind meist Jahre vergangen.
Das ist AI Slop im Corporate Design: nicht das offensichtlich Kaputte, sondern das unauffällig Leere. Inhalte und Designs, die keine Reibung erzeugen, weil sie keine Haltung haben. Die technisch einwandfrei sind und kommunikativ nichts tun.
Wer die Rechnung zahlt
Ich will hier keine Abrechnung mit KI schreiben. Ich bin KI-Berater, ich nutze diese Werkzeuge täglich und ich empfehle sie weiter, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden.
Aber ich beobachte einen blinden Fleck in der Diskussion: Die Frage, wer die Kosten schlechten Designs trägt, wird nie gestellt.
Ein Unternehmen zahlt 0 Euro für ein KI-Logo. Es zahlt dann 3.000 Euro für eine neue Website, bei der die Grafikagentur das Logo neu aufbauen muss, weil keine Vektordaten vorhanden sind. Es zahlt nochmals Aufwand für den Messestand, weil der Drucker das Format nicht verarbeiten kann. Es verliert Aufträge, die es nie messen wird, weil potenzielle Kunden beim ersten Eindruck weitergeklickt haben, ohne zu wissen warum.
Diese Kosten sind real. Sie erscheinen nur nicht auf der Rechnung neben dem Posten „Corporate Design“.
Was das für Kommunikationsdesigner bedeutet
Die einfachen Aufträge kommen nicht zurück. Das ist eine nüchterne Aussage, aber sie ist richtig.
Was bleibt und was wächst: strategische Designarbeit, die Kontext voraussetzt. Die Fähigkeit, einem Auftraggeber zu erklären, warum sein KI-Logo ein Problem ist, und dann das Problem zu lösen. Die Kompetenz, KI-Tools selbst so einzusetzen, dass das Ergebnis besser wird, nicht nur schneller.
Der Fehler wäre, sich in eine Abwehrhaltung zurückzuziehen. „KI kann das nicht“ ist keine Positionierung, es ist eine Hoffnung. Die bessere Positionierung ist: Ich verstehe, was KI kann. Und ich verstehe, was danach noch fehlt. Genau das ist meine Arbeit.
Häufige Fragen zu KI und Corporate Design
Du kannst. Die Frage ist, was du danach damit machst. Für eine schnelle Eigenmarke im digitalen Umfeld kann ein KI-generiertes Logo ausreichen. Für ein Unternehmen, das professionell auftritt, druckt, präsentiert und wachsen will, braucht es eine skalierbare Vektorbasis, lizenzierte Schriften, definierte Farbwerte und eine Strategie dahinter. Das liefert kein Bildgenerator.
Nein. KI ist ein Werkzeug, und ein gutes. Professionelle Designer, die KI-Tools in ihren Prozess integrieren, können damit schneller und in mehr Varianten arbeiten. Der Unterschied liegt nicht im Tool, sondern im Denken, das dahintersteht.
Weil gutes Corporate Design unsichtbar funktioniert. Es erzeugt Vertrauen, Wiedererkennung und Markenkonsistenz, ohne dass jemand aktiv darüber nachdenkt. Schlechtes Design erzeugt keine starke negative Reaktion, sondern einfach keine Reaktion. Und das ist das eigentliche Problem.
Lass dir eine Vektordatei erstellen und eine Farbdefinition anlegen. Das ist der handwerkliche Mindeststandard. Danach kommt die strategische Frage: Was soll dieses Logo über dein Unternehmen sagen? Und an wen?
Ein Logo ist kein Bild. Es ist eine Entscheidung. Und Entscheidungen brauchen jemanden, der den Kontext kennt.
Ich mache jetzt ein paar Tage Auszeit mit der Familie in Italien. Ab Montag nächster Woche bin ich wieder da, mit frischen Ideen.