

Ich hab mir die Bilder jetzt fünfmal angeschaut. Links die fette Filzstift-Signatur von Donald Trump. Rechts, sauber untereinander: Sundar Pichai, Dario Amodei, Mark Zuckerberg, Greg Brockman, Elon Musk, Jensen Huang. Die Spitze der Frontier-Labs auf einem Papier, in dessen Titel die Wörter „Super Intelligence“ stehen.
Vor einer Woche hab ich hier beschrieben, wie Trump den Begriff Super Intelligence marketingtechnisch kapert. Ich hab gehofft, die Branche lacht darüber. Sie hat unterschrieben.
Meine These nach 37 Jahren in der Kommunikationsbranche: Die KI-Industrie hat am 29. September ihre eigene Fachsprache hergegeben, für einen Platz am Mittagstisch im East Room. Hier liest du, was tatsächlich unterschrieben wurde, warum „Super Intelligence“ rechtlich exakt dasselbe bedeutet wie das alte „AI“, und warum dich das auch in Salzburg, Linz oder München etwas angeht.
Was wurde am 29. September eigentlich unterschrieben?
Zwei Dokumente, und die muss man auseinanderhalten, sonst wird die Kritik unsauber.
Das erste ist eine Executive Order mit dem Titel „Inaugurating the Era of Super Intelligence“. Die hat Trump allein unterschrieben. Sie verpflichtet alle Ministerien und Behörden der US-Bundesregierung, in Korrespondenz, Websites, Berichten und Policy-Papieren nur noch „Super Intelligence“ und „SI“ zu verwenden. Die Begriffe „Artificial Intelligence“ und „AI“ sollen laut Fact Sheet des Weißen Hauses schlicht nicht mehr anerkannt werden.
Das zweite ist das Papier auf dem Bild. Zwei Seiten, auf der ersten steht als Überschrift „White House Accord on Super Intelligence“, darunter „Joint Commitment on Frontier Responsibilities“. Auf der zweiten stehen die Unterschriften. Dazwischen beschreibt der Text vier Ebenen von Kontrollen: interne Überwachung von Fähigkeiten und Alignment der Modelle, etwa bei Cyber-, Bio- und Chemierisiken, ein internes Team, das diese Kontrollen überwacht, einen externen Auditor oder Evaluator und einen unabhängigen Ausschuss im Board, der die Berichte bekommt. Dazu wollen sich die Firmen regelmäßig treffen, um gemeinsam Standards zu entwickeln. Zuckerberg nannte das vor der Presse einen Anfang, auf den sich die ganze Branche einigen könne.
Rechtskraft hat das Accord keine. Keinen Regulator, keine Strafen. Gefragt, ob das Dokument irgendwie bindend sei, antwortete Trump, es sei „morally binding“. Ich hab den Text Zeile für Zeile gelesen. Kein Wort davon, dass Prüfergebnisse veröffentlicht werden. Den externen Prüfer sucht sich jede Firma selbst, „partner with“ heißt es da. Und Gesetze? Die könnten „over time“ sinnvoll sein, steht im letzten Absatz. Irgendwann halt.
Die sechs haben also nicht die Umbenennung unterschrieben. Sie haben etwas Schlimmeres getan: Sie haben einem Papier ohne Zähne ihre Namen geliehen, das die neue Sprachregelung schon im Titel trägt. Und zwar in Trumps Schreibweise: „Super Intelligence“, zwei Wörter, genau wie in der Executive Order. Im Fließtext selbst ist dann ganz nüchtern von „frontier models“ die Rede. Die Unterzeichner wissen also sehr genau, wovon sie eigentlich reden.
Und dann ist da noch die Zeile unter Trumps Unterschrift. Schau sie dir genau an: „President of the Unites States“. Unites. Ein Dokument über die Kontrolle der mächtigsten Technologie unserer Zeit, sieben Unterschriften, und keiner hat die Zeile darunter gelesen. Jedes Rechtschreibtool hätte das gefunden. Von Superintelligenz reden wir da noch gar nicht.
Wenn die Leute, die Superintelligenz bauen wollen, ein Papier unterschreiben, das ihre heutigen Modelle Superintelligenz nennt, dann haben sie das einzige Wort entwertet, mit dem wir über das eigentliche Risiko reden können.
Alex Januschewsky
Was bedeutet Superintelligenz, bevor Trump sie erfunden hat?
Kurz die Begriffe, weil sie in der Debatte gerade wild durcheinandergehen:
- Superintelligenz: Seit Nick Bostroms Buch „Superintelligence“ von 2014 der Standardbegriff für ein hypothetisches System, das Menschen in praktisch allen kognitiven Bereichen weit übertrifft. Gibt es nicht.
- AGI (Artificial General Intelligence): Ein System, das jede intellektuelle Aufgabe erlernen kann, die ein Mensch bewältigt. Gibt es auch nicht, trotz aller Ankündigungen.
- SI im Sinne der Executive Order: Alles, was das US-Recht bisher als „artificial intelligence“ definiert. Also dein Chatbot, dein Bildgenerator, dein Spamfilter.
Den Unterschied zwischen den ersten beiden hab ich in meinem Artikel über künstliche allgemeine Intelligenz zwischen Allmachtsfantasie und Hausverstand ausführlich aufgedröselt. Der Punkt hier ist ein anderer.
Superintelligenz ist in der Forschung das Wort für das Szenario, vor dem gewarnt wird. Im Herbst 2025 haben über 800 Persönlichkeiten, darunter Geoffrey Hinton und Steve Wozniak, ein Verbot der Entwicklung von Superintelligenz gefordert, bis sie nachweislich sicher und kontrollierbar ist. Meta hat eine eigene Abteilung, die Superintelligence im Namen trägt. OpenAI formuliert sie offen als Ziel. Das Wort beschreibt etwas, das noch kommen soll und das man ernst nehmen muss.
Und genau dieses Wort klebt jetzt per Dekret auf einem Chatbot, der Rechnungen zusammenfasst.
Warum ist die Umbenennung juristisch ein Nullsummenspiel?
Jetzt kommt der Teil, bei dem ich beim Lesen laut gelacht hab. Nicht vor Freude.
Ich hab mir die Executive Order im Originaltext auf whitehouse.gov durchgelesen. Section 3(a) definiert „Super Intelligence“ und „SI“ als genau die Technologien, die schon bisher unter die gesetzliche Definition von „artificial intelligence“ in 15 U.S.C. § 9401(3) fallen. Derselbe Paragraf, auf den sich schon Trumps KI-Erlass vom Jänner 2025 berufen hat.
Was das konkret bedeutet: Es ändert sich nichts. Kein einziges System wird leistungsfähiger, keine einzige Regel strenger oder lockerer. Das Etikett wird getauscht, der Inhalt bleibt. Innerhalb von 60 Tagen soll der Wissenschaftsberater des Präsidenten einen Vorschlag für eine gesetzliche Definition liefern. Schauen wir mal, was da kommt.
Ich mach seit 1989 Werbung. Ich kenn diesen Trick. Wenn ein Produkt ein Imageproblem hat, gibt man ihm einen neuen Namen und lässt die Rezeptur, wie sie ist. Trump hat die Begründung selbst geliefert: „Artificial“ klinge nach etwas Falschem. Das Problem, das hier gelöst werden soll, ist also das Misstrauen der Leute. CNBC berichtet, dass laut mehreren aktuellen Umfragen die Mehrheit der Amerikaner Bedenken gegenüber KI hat und Trumps Umgang damit ablehnt.
Die Antwort des Weißen Hauses auf diese Skepsis lautet: umbenennen. Und die Branche nickt.
Warum unterschreiben die klügsten Köpfe der Branche so etwas?
Das ist die Frage, die mich wirklich angepisst zurücklässt.
Von Trump erwarte ich nichts anderes. Der Mann hat schon den Golf von Mexiko in Golf von Amerika umbenannt, jetzt ist halt die KI dran. Aber auf der anderen Seite des Tisches sitzen Leute, die es besser wissen. Dario Amodei hat in den letzten Wochen öffentlich vor den Gefahren der Technologie gewarnt. Anthropic positioniert sich seit Jahren als das Sicherheits-Labor der Branche. Und dann steht sein Name unter einem Papier, dessen einzige Durchsetzungsinstanz ein Adjektiv ist: moralisch.
Ist ein freiwilliges Papier besser als gar keines? Ein bisschen. Unterstützer argumentieren, es sei immerhin schriftlich festgehalten, dass Zuckerberg, Huang und Amodei gemeinsam an einem Tisch Kontrollen zugesagt haben. Das stimmt. Aber wer Selbstverpflichtungen kennt, kennt ihre Halbwertszeit. Ich hab schon beim EU-Verhaltenskodex, den OpenAI unterschrieben hat, geschrieben: Solange so etwas freiwillig und selbstkontrolliert bleibt, ist es Feigenblatt statt Fundament. Daran hat sich nichts geändert. Nur das Feigenblatt ist jetzt größer und hängt im Weißen Haus.
Trump selbst hat klargestellt, wie er Regulierung sieht. Man glaube an „tremendous self-regulation“, und Regulierung gebe es ja eh schon durch Justizministerium und FBI. Dazu die Idee eines Komitees mit vielleicht zehn Leuten, möglicherweise aus der Runde der Unterzeichner, das über das Ganze wachen soll. Die Geprüften prüfen sich selbst. Ich weiß nicht, was sonst noch auf dem Tisch lag. Mein Eindruck ist aber: Wer im Weißen Haus mitessen will, schreibt auch die Speisekarte mit, die der Hausherr diktiert.
Die Rechnung ist simpel. Zugang, Regierungsaufträge, Ruhe vor echten Gesetzen. Der Preis ist ein Wort. Ein Wort, das ihre eigenen Sicherheitsforscher jahrelang sorgfältig definiert haben.
Was heißt das für dich in Europa?
Hier wird es praktisch, und ich find, das ist der wichtigste Teil.
Der Unterschied zwischen Washington und Brüssel ist seit diesem Dienstag so deutlich wie nie. In der EU gilt der AI Act mit verbindlichen Pflichten und Bußgeldern bis zu 7 % des weltweiten Jahresumsatzes. Was seit August 2025 für allgemeine KI-Modelle gilt, hab ich im Artikel über das KI-Gesetz und seine Pflichten ab August 2025 zusammengefasst. In den USA gilt ab sofort ein Papier, das moralisch bindet.
Ich bin zertifizierter KI-Beauftragter nach ISO 42001, und ein Audit braucht aus meiner Praxis drei Dinge: einen Prüfmaßstab, der vorher feststeht, einen Prüfer, der unabhängig ist, und eine Konsequenz, wenn man durchfällt. Das Accord liefert davon genau eines, und auch nur als Wort: „independent“. Den Maßstab definieren die Firmen selbst, eine Konsequenz steht nirgends.
Drei Dinge, die ich meinen Kunden jetzt rate:
- Lass dich von „SI“ nicht beeindrucken. Wenn ein US-Anbieter demnächst mit „Super Intelligence“ wirbt, frag nach dem Modellnamen, der Versionsnummer und dem, was das System nicht kann. Das Produkt ist dasselbe wie gestern.
- Bleib in deinen eigenen Dokumenten bei den Begriffen des AI Act. Deine KI-Richtlinie, deine Verfahrensdokumentation und deine Kennzeichnungen beziehen sich auf „KI-Systeme“ im Sinne der Verordnung. Wer da Marketingbegriffe aus Washington übernimmt, schafft sich Interpretationsspielraum, den er im Ernstfall nicht haben will.
- Prüf Verträge mit US-Anbietern. Wenn deren Terms of Service plötzlich von „SI“ sprechen, macht es Sinn, im Zweifel schriftlich klären zu lassen, dass damit dieselben Leistungen gemeint sind wie vorher.
Und bevor jemand in den Kommentaren schreibt, die Amerikaner hätten einen an der Waffel: Washington hat einen an der Waffel. Die Mehrheit der Amerikaner sieht die Sache laut Umfragen ziemlich ähnlich wie ich.
Fragen zu Super Intelligence
Ich sag weiter KI
Ich werde auf digitalhandwerk.rocks nicht „SI“ schreiben, wenn ich einen Chatbot meine. Begriffe sind Werkzeuge. Wer das Wort für das gefährlichste Szenario der ganzen Technologie auf ein Tool klebt, das E-Mails vorformuliert, nimmt uns die Sprache, mit der wir irgendwann dringend über echte Superintelligenz reden müssen.
Die sechs Herren auf dem Bild wissen das. Sie haben trotzdem unterschrieben. Das merk ich mir.




