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Loop Engineering statt Jobverlust: Was ein virales KI-Comic übersieht

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Ein Comic macht gerade die Runde durch mein LinkedIn-Feed, durch halb Bluesky, durch jede zweite KI-Community, in der ich mitlese. Fünf Etappen in vier Jahren: Prompt Engineer, Vibe Coder, Agentic Engineering, Loop Engineering, und dann, ohne große Ankündigung, nur noch eine Jahreszahl: 2027. In diesem letzten Panel sitzt der Mensch allein, während die KI ohne ihn weiterläuft.

Ich find das Bild wirklich gut gemacht, deshalb hab ich es unten für dich nachzeichnen lassen, mit mir als Hauptfigur. Den Urheber des Originals kenne ich nicht, das Layout und die Pointe stammen nicht von mir. Und genau die Pointe find ich zum Nachdenken, weil die ersten vier Etappen ziemlich genau treffen, was in meiner Beratungsarbeit mit EPU und KMU in der DACH-Region gerade passiert. Nur die letzte Etappe halte ich für falsch, aus einem Grund, den ich mit 35 Jahren Selbstständigkeit in der Kommunikationsbranche einigermaßen fundiert einschätzen kann. Diese Branche hat schon einmal einen fast identischen Comic verdient gehabt, nur mit Schreibmaschine, Fax und Desktop-Publishing statt mit Prompts und Agenten. Der leere Stuhl am Ende ist damals nicht eingetreten. Ich zeig dir in diesem Artikel, warum ich glaube, dass er auch diesmal nicht eintritt, und was stattdessen aus meiner Sicht auf uns zukommt.

Comic in fünf Panels von Prompt Engineer 2024 bis 2027
Loop Engineering statt Jobverlust: Was ein virales KI-Comic übersieht – KI-Wissen | digitalhandwerk | Alex Januschewsky

Vier Begriffe, die man kennen sollte, bevor man weiterliest

Prompt Engineering ist die strukturierte Fähigkeit, ein Sprachmodell mit klaren, präzisen Anweisungen zu steuern, statt einfach drauflos zu tippen. Vibe Coding bedeutet, Software zu bauen, indem man der KI in natürlicher Sprache beschreibt, was entstehen soll, und mit ihr iteriert, bis das Ergebnis passt. Agentic Engineering meint den Einsatz von KI-Systemen, die nicht nur antworten, sondern eigenständig Ziele verfolgen, Werkzeuge bedienen und mehrstufige Aufgaben ohne ständige Rückfrage abarbeiten. Loop Engineering, der Begriff aus der 2026.5-Phase des Comics, beschreibt eine Ebene darüber: Ein Mensch steuert nicht mehr einzelne Agenten, sondern orchestriert verschachtelte Ketten von Agenten, die wiederum andere Agenten anleiten.

Was das Bild wirklich zeigt, und warum es so gut trifft

Fang ich bei Panel eins an, weil ich dort ehrlich gesagt am längsten hängen geblieben bin. 2024 als das Jahr des reinen Prompt Engineers darzustellen, wirkt aus heutiger Sicht fast nostalgisch. Ich hab selbst vor fast drei Jahren angefangen, System-Prompts wie kleine Drehbücher zu bauen, mit klarer Rolle, klarem Ton, klaren Regeln. Was mich am Bild stört, ist die Andeutung, dass diese Phase abgeschlossen ist. Ist sie nicht. Ich hab dazu vor einiger Zeit schon geschrieben, dass gutes Prompting zur Kernkompetenz wird und eben nicht verschwindet, sondern sich in neue Rollen wie Prompt Designer oder KI-Strateg:in ausdifferenziert. Wer heute glaubt, Prompting sei 2024er-Technologie, hat vermutlich noch nie versucht, einen Agenten mit einem schlecht formulierten Ziel zu füttern. Genau dann merkt man erst, wie viel von der alten Disziplin man noch braucht.

Panel zwei, der Vibe Coder im Sitzbeutel, trifft mich noch direkter. Ich hab nach dreißig Jahren Pause vom eigenen Programmieren wieder angefangen, Software zu bauen, zuerst mit ChatGPT, dann mit Claude Code. In meinem Artikel über den Weg vom BASIC-Zeiler zum Vibe Coder hab ich beschrieben, warum mein Hintergrund aus der C64- und Amiga-Zeit dabei überraschend viel wert war. Nicht weil ich Code schreibe, sondern weil ich weiß, was ich verlange, wenn ich ihn beschreibe. Das Comic zeigt diese Phase als entspannten Lifestyle-Moment mit Sitzsack und Funken in der Luft. Stimmt teilweise. Aber unter der Oberfläche steckt genau dieselbe analytische Arbeit wie beim Prompt Engineering davor, nur eine Abstraktionsstufe höher.

Und dann Panel drei, Agentic Engineering, wo eine einzelne Person plötzlich mehrere Kreaturen gleichzeitig dirigiert. Hier wird es aus meiner Sicht das erste Mal wirklich unrealistisch, und zwar nicht, weil die Technik das nicht hergibt, sondern weil kaum jemand tatsächlich in diesem Modus arbeitet. Die Figur im Comic wirkt entspannt, fast beiläufig, als würde das Dirigieren mehrerer autonomer Systeme keine zusätzliche kognitive Last erzeugen. In der Praxis ist genau das Gegenteil der Fall. Wer schon einmal versucht hat, zwei parallel laufende Agenten im Blick zu behalten, weiß, dass die mentale Last nicht sinkt, sondern steigt, weil man nicht mehr nur die Aufgabe selbst im Kopf hat, sondern zusätzlich, was jeder einzelne Agent gerade zu tun glaubt.

Warum die wenigsten von uns überhaupt bei Agentic Engineering ankommen

Ich hab dazu einen ausführlichen Artikel geschrieben, warum die meisten EPU und KMU wahrscheinlich gar keinen KI-Agenten brauchen, und ich steh nach wie vor dazu. In der täglichen Praxis meiner Beratungsarbeit landen wir bei geschätzt fünf Prozent echten Anwendungsfällen für autonome Agenten. Die restlichen 95 Prozent lösen sich zuverlässiger, günstiger und mit weniger Fehlerquellen durch einen gut geführten Chatbot. Ein Agent, der eigenständig E-Mails sortiert, Termine bucht und im Hintergrund die Marktanalyse fürs nächste Quartal erledigt, klingt im Comic charmant. In der Realität eines Ein-Personen-Unternehmens bedeutet das meistens: mehr Debugging, mehr Kontrollaufwand, mehr Momente, in denen man morgens aufräumen muss, was der digitale Praktikant über Nacht angerichtet hat.

Das heißt nicht, dass Panel drei erfunden ist. Es gibt sie, die fünf Prozent, in denen ein Agent tatsächlich den Unterschied macht: repetitive Ketten mit vielen Teilschritten, ständige Datenüberprüfung, Lead-Anreicherung über fünfzig Firmenwebseiten hinweg. Aber das Bild suggeriert, dass diese Phase der logische nächste Schritt für alle ist, die vorher Prompt Engineer oder Vibe Coder waren. Das ist die eigentliche Übertreibung im Comic, nicht die letzte Phase.

Wer haftet, wenn der Agent Mist baut?

Was das Comic komplett ausblendet, ist eine Frage, die mich in den letzten Monaten selbst mehr beschäftigt als fast alles andere im KI-Bereich: Wer verantwortet eigentlich, was diese KI-Agenten tun, sobald sie eigenständig handeln? Ich hab dazu über Estlands Idee digitaler Ausweise für KI-Agenten geschrieben, und die Zahlen dahinter sind nicht harmlos. Non-Human Identities wachsen um rund 44 Prozent jährlich, das Verhältnis von Maschinen zu Menschen steigt in manchen Umgebungen auf 144 zu 1, und nur 21 Prozent der Organisationen führen überhaupt ein Echtzeit-Inventar ihrer aktiven Agenten. Im Bild wirkt das niedlich. Die Realität dahinter ist eher: fünf verschiedene Automatisierungstools mit API-Keys, die niemand mehr aktiv überwacht. Ich bin mir da nicht ganz sicher, aber mein Eindruck ist, dass ein Großteil der KMU, die gerade in Richtung Agentic Engineering drängen, diese Haftungsfrage noch gar nicht gestellt hat, geschweige denn beantworten kann.

Das letzte Panel, und warum ich die Aussage nicht teile

Jetzt zur eigentlichen Pointe des Comics, dem Jahr 2027. Bemerkenswert daran: Über dem Panel steht diesmal kein reißerisches Wort mehr, nur die nüchterne Jahreszahl. Das Bild braucht die Beschriftung gar nicht. Der Mensch sitzt allein, die KI arbeitet unter eigener Regie weiter, fertig ist die Dystopie, ganz ohne ein einziges erklärendes Wort. Ich würde das eigentlich anders formulieren, aber so ist es genauer: Das ist keine Prognose, das ist eine Pointe. Und Pointen müssen zuspitzen, um zu funktionieren, das ist ihr Job. Als Einschätzung der Arbeitswelt taugt das Bild trotzdem wenig.

Das World Economic Forum hat genau diese Frage in einer Rückschau auf ein Jahr Agentic-AI-Einsatz aufgegriffen, und die Zahlen sind interessanter, als das Comic zulässt. Neun von zehn Führungskräften berichten von Überkapazitäten bis zu 20 Prozent in klassischen, alten Rollen, gleichzeitig herrscht ein spürbarer Mangel an KI-kritischen Fähigkeiten. Das ist kein Nullsummenspiel, in dem der Mensch verliert und die Maschine gewinnt. Das ist eine Verschiebung, bei der genau die Leute unter Druck geraten, die stehenbleiben, während die, die sich weiterentwickeln, gesucht werden wie nie zuvor. Das Weltwirtschaftsforum rechnet für die Gesamtwirtschaft bis 2030 mit 170 Millionen neuen Rollen bei 92 Millionen wegfallenden, macht netto ein Plus von 78 Millionen Jobs. Das ist kein Trostpflaster, aber auch kein Grund, sich allein mit der Kaffeetasse auf den Boden zu setzen.

Ich will nicht naiv klingen. Es tut jemandem, dessen konkrete Stelle wegfällt, herzlich wenig, wenn irgendwo anders 170 Millionen neue Rollen entstehen. Das ist eine berechtigte, harte Realität, besonders für Berufseinsteiger, die keine klassischen Junior-Aufgaben mehr zum Üben finden. Aber das ist ein Verteilungsproblem und ein Bildungsproblem, kein Beweis dafür, dass am Ende des Loop-Engineering-Pfads zwangsläufig der leere Stuhl steht.

Loop Engineering ist keine Endstation, sondern die nächste Werkbank

Was mich am 2026.5-Panel eigentlich fasziniert, wenn man die Dystopie mal beiseitelässt, ist die Grundidee dahinter. Ein Mensch steuert nicht mehr einen einzelnen Agenten, sondern eine kleine Struktur aus Agenten, die wiederum andere Agenten anleiten. Das klingt technisch, ist aber im Kern nichts anderes als das, was ein guter Handwerksbetrieb seit jeher tut: Man delegiert nicht die Entscheidung, man delegiert die Ausführung, und man behält die Verantwortung für das Ergebnis.

Ich denk dabei zum Beispiel an den Heurigenbetrieb, mit dem ich gerade arbeite. Dort geht es nicht um verschachtelte Agenten-Architekturen. Es geht darum, dass die E-Mails zeitnah beantwortet werden, dass der Redaktionsplan für Instagram steht und dass die Statistik der Webseite korrekt und verständlich aufbereitet wird. Das ist Loop Engineering im Kleinen: eine Kette aus klar definierten, überwachten Teilaufgaben, bei der am Ende immer noch jemand entscheidet, ob das Ergebnis passt. Kein Agent nimmt diese Entscheidung ab, weil kein Agent den Kontext hat, warum ein bestimmter Satz zum Betrieb passt und ein anderer nicht. Genau da liegt der Unterschied zwischen dem einsamen letzten Panel und einem Werkzeugkasten, der einfach größer geworden ist.

Der Name meiner eigenen Marke ist da vielleicht kein Zufall: digitalhandwerk. Ein Handwerker hat noch nie jedes Werkzeug selbst geschmiedet. Er hat gelernt, welches Werkzeug für welche Aufgabe taugt, wann die Handsäge reicht und wann die Präzisionsfräse nötig ist. Genau das verändert sich gerade, nicht die Existenzberechtigung des Handwerkers, sondern die Größe und Komplexität seines Werkzeugkastens. Ein Loop aus Agenten ist am Ende nichts anderes als eine sehr elaborierte Säge. Sie ersetzt nicht die Entscheidung, was gebaut wird, und schon gar nicht die Verantwortung dafür, wenn etwas schiefgeht. Wer glaubt, mit genug Agenten könne man sich aus der Verantwortung herausorchestrieren, wird spätestens bei der ersten Reklamation eines Kunden eines Besseren belehrt.

Was ich statt des leeren Stuhls sehe

Schauen wir mal ehrlich hin: Das Comic hat recht mit dem Tempo. Vier Phasen in vier Jahren, das ist beängstigend schnell, und wer das für übertrieben hält, hat vermutlich in den letzten zwölf Monaten nicht regelmäßig mit neuen Modellen gearbeitet. Aber Tempo ist kein Beweis für Verdrängung. Als ich in den Achtzigern in der Kommunikationsbranche angefangen habe, gab es Berufe, die es heute nicht mehr gibt, und Berufe, die damals niemand für möglich gehalten hätte. Ich sitze nicht allein am Boden, Kaffeetasse neben mir, während andere ohne mich weiterarbeiten. Ich sitze an einem Schreibtisch, der sich alle paar Monate neu einrichtet, mit neuen Werkzeugen, aber mit derselben Aufgabe wie seit 1989: verstehen, was ein Kunde eigentlich braucht, und das in etwas übersetzen, das funktioniert. Das war früher Layout und Anzeigentext. Heute ist es manchmal ein Prompt, manchmal eine Agentenkette, manchmal einfach ein gutes Gespräch. Der Werkzeugkasten wird größer. Die Werkbank bleibt meine.

Wenn du das Comic das nächste Mal in deinem Feed siehst, lach ruhig über die ersten vier Etappen. Aber bei der letzten würd ich dir raten, kurz innezuhalten und dir die Frage zu stellen, die das Bild nicht stellt: Nicht ob KI deinen Job übernimmt, sondern ob du bereit bist, deinen Job so oft neu zu erfinden, wie es die nächsten vier Jahre verlangen. Das ist unbequemer als ein Meme. Aber es ist die ehrlichere Frage.

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about.me
Alex Januschewsky – Zertifizierter KI-Beauftragter und Werbefachmann
Alex Januschewsky

Alex Januschewsky ist Werbefachmann, zertifizierter KI-Beauftragter (ISO 42001, EU AI Act-Konformität) und Microsoft MVP Alumni. Seit 1989 in Werbung und Design aktiv, spezialisiert auf den professionellen Einsatz von Generativer KI: kreativ, strategisch, praxisnah. Seit über 30 Jahren entwickle ich Kommunikation, die nicht auf Hype setzt, sondern auf echte Wirkung. Klar, klug und mit einem tiefen Verständnis für Technologie und Sprache. In diesem Blog teile ich Ideen, Impulse und erprobtes Wissen für Unternehmer, Entscheider und KI-Enthusiasten, die mehr wollen als Schlagwörter und bunte Versprechen.

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Alex Januschewsky, Prompt Rocker, wohnhaft in Salzburg, tätig in Österreich
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