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PhotoCraft und die Crafting Apps: Jemand hat Adobe den Kampf angesagt

Kreativer Arbeitsplatz mit Designmaterialien
// ki-zusammenfassung Diesen Artikel zusammenfassen mit:

Ich arbeite seit 1991 mit Adobe-Software. Photoshop, InDesign, Illustrator, ich hab das Zeug jahrelang sogar als Trainer unterrichtet. Und dann taucht Ende September auf GitHub ein Account namens storytold auf und veröffentlicht innerhalb weniger Tage Nachbauten von sieben Adobe-Programmen. Gratis, quelloffen, geschrieben mit KI.

Meine These: PhotoCraft und die anderen Crafting Apps ersetzen heute noch keinen professionellen Adobe-Workflow. Aber sie zeigen, dass die Eintrittsbarriere für ernsthafte Kreativsoftware gerade zusammenbricht. Und das ist für Adobe das größere Problem als jede einzelne App.

In diesem Artikel erfährst du, wer hinter dem Projekt steckt, was die Open-Source-Alternative zu Adobe heute wirklich kann, welche Bugs ich beim Testen gefunden habe und für wen sich ein Blick jetzt schon lohnt.

// kurz erklärt4 Begriffe
Clean-Room-Reimplementierung
ein Nachbau einer Software, der nur aus öffentlichen Spezifikationen und beobachtetem Verhalten entsteht, ohne Code des Originals zu verwenden.
Rust
eine Programmiersprache, die auf Geschwindigkeit und Speichersicherheit ausgelegt ist und zunehmend C++ in Systemsoftware ablöst.
WebAssembly
ein Format, mit dem kompilierte Programme direkt im Browser laufen, ohne Installation.
PSD und PSB
die nativen Dateiformate von Photoshop, PSB ist die Variante für sehr große Dokumente.

Wer steckt hinter storytold und ArtCraft?

Hinter dem GitHub-Konto storytold steht ArtCraft, ein Studio des Entwicklers Brandon Thomas. Thomas war zuvor CEO von Storyteller.ai und davor Software-Engineer bei Square. ArtCraft selbst hat er vor knapp einem Jahr gegründet, ursprünglich als KI-Bild- und Videostudio für sich und sein Umfeld.

Laut Commit-Historie beginnt die öffentliche Geschichte von PhotoCraft am 30. September 2026 mit einem schlichten „init repo“. Zwei Wochen später, am Tag, an dem ich diesen Artikel schreibe, hat das PhotoCraft-Repository rund 50.000 Sterne auf GitHub. Das ist für ein Open-Source-Projekt in dieser Zeitspanne ein ziemlich lauter Knall.

Die Motivation hat Thomas selbst auf Reddit offengelegt, und sie ist sehr menschlich: Adobe hat ihm nach eigener Darstellung mehrfach eine Kündigungsgebühr verrechnet, als er sein Abo beenden wollte. Aus dem Ärger wurde ein Projekt, und aus dem Projekt ein ausgestreckter Mittelfinger in Richtung San José.

Ich hab mir vor einiger Zeit schon einmal angeschaut, warum Adobe durch spezialisierte KI-Tools unter Druck gerät. Damals ging es um Midjourney, Runway und Co. Jetzt kommt der Angriff von einer ganz anderen Seite: nicht mit neuen Werkzeugen, sondern mit Kopien der alten.

Was können die Crafting Apps heute?

ArtCraft nennt die Sammlung „Crafting Apps“. Jede App steht für sich, alle teilen dieselbe Basis: komplett in Rust geschrieben, nativ auf macOS, Windows und Linux, zusätzlich im Browser per WebAssembly. Lizenziert ist alles wahlweise unter MIT oder Apache 2.0.

ArtCraft-AppVorbild bei AdobeEinsatzbereich
PhotoCraftPhotoshopBildbearbeitung, Ebenen, Masken, PSD
VectorCraftIllustratorVektorgrafik
FilmCraftPremiere ProVideoschnitt, Farbe, Ton
LightCraftLightroomFotobibliothek, RAW-Entwicklung
EffectCraftAfter EffectsMotion Graphics, Compositing
DesignCraftInDesignSeitenlayout
PdfCraftAcrobatPDFs lesen, organisieren, schützen

Inzwischen tauchen auch Repositories für Office und CAD auf, etwa WordCraft und CADCraft. Der Anspruch geht also über Kreativsoftware hinaus.

PhotoCraft ist das Flaggschiff und am weitesten. Laut Readme im PhotoCraft-Repository auf GitHub gibt es 67 Werkzeuge, 16 Einstellungsebenen, Ebenenstile von Schlagschatten bis Kontur, Smartobjekte mit Smartfiltern, eine Brush-Engine mit Drucksensitivität und Farbmanagement mit ICC-Profilen, CMYK und Lab in 8, 16 und 32 Bit. Menüs und Tastenkürzel liegen dort, wo Photoshop-Hände sie erwarten. Das ist Absicht und für Umsteiger der stärkste Hebel.

So sieht PhotoCraft aus.

Beim PSD-Format ist das Projekt erstaunlich ehrlich. Nach eigenen Angaben bleibt beim Öffnen und erneuten Speichern die Darstellung bei 307 von 309 Testdateien aus einer bekannten Sammlung gleich. Byte-identisch sind die Dateien danach aber nicht, PhotoCraft schreibt Ebenendaten und Composite neu. Für die Praxis heißt das: Die PSD vom Kunden aufmachen, Text tauschen und zurückschicken klappt vermutlich. Ich würde mich aber nicht darauf verlassen, dass jedes Detail der Originaldatei überlebt.

Diese Apps sind nicht deshalb wichtig, weil sie Photoshop heute ersetzen. Sie sind wichtig, weil sie zeigen, dass ein kleines Team mit KI in zwei Wochen nachbauen kann, wofür Adobe Jahrzehnte gebraucht hat. Zumindest die Oberfläche.

Wie viel KI steckt im Code?

Sehr viel. Thomas sagt selbst, dass er alle sieben Apps mit Claude Opus 5.5 als Coding-Assistent geschrieben hat. Das erklärt auch das Tempo: Laut dem Praxisbericht von OMG! Ubuntu erschien PhotoCraft 0.1.0, und nur fünf Tage später war bereits Version 0.5.0 draußen, mit acht Releases dazwischen.

Das Projekt ist von Grund auf für Maschinen gebaut. Jede Menüfunktion, jedes Werkzeug und jeder Dialog läuft über eine zentrale Registry mit mehr als 500 Befehlen. Dieselben Befehle erreicht man über die Oberfläche, über ein Kommandozeilen-Tool und über einen eingebauten MCP-Server. Ein KI-Agent kann PhotoCraft also genauso bedienen wie ich.

Das ist der Punkt, an dem es für mich interessant wird. Ich baue selbst seit Monaten Software mit Claude Code, vom Strom-Dashboard bis zum eigenen Desktop-Assistenten. Ich hab darüber geschrieben, wie ich nach 30 Jahren wieder anfing, Software zu bauen. Aber ein Photoshop-Nachbau mit 24 Rust-Crates, GPU-Compositor und über 1.700 Tests ist eine andere Liga. Hier sitzt kein Hobbyist, der einen Coding Agent fröhlich drauflos tippen lässt. Hier sitzt jemand mit 15 Jahren Erfahrung, der weiß, welche Architektur er verlangt, und der Tests als Leitplanken einzieht.

Was Thomas daraus gemacht hat, ist trotzdem kein reines Wunder. Auf Reddit hat er anfangs hundert Prozent Funktionsgleichheit mit Adobe innerhalb eines Monats versprochen. Auf Hacker News wurde daraus später „99 Prozent in Monaten statt Jahren“. Diese Korrektur ist ehrlicher als das Original. Das Readme von PhotoCraft selbst bleibt noch nüchterner: frühe Alpha, kein Ersatz für die tägliche Profiarbeit, die größten Lücken bei generativen Funktionen, fehlenden Werkzeugen, Typografie und Plug-ins.

Wie schlägt sich PhotoCraft im Praxistest?

Ich bin Mediendesigner. Ich hab ein paar der Tools also nicht als Neugieriger installiert, sondern mit echten Dateien und der Frage: Könnte ich damit einen Auftrag abwickeln?

[ALEX: Welche Apps hast du konkret getestet, auf welchem System? 1 bis 2 Sätze.]

Der erste Eindruck ist besser, als ich erwartet hatte. PhotoCraft startet schnell, fühlt sich nativ an und nicht wie eine Web-App im Electron-Kostüm. Wer Photoshop kennt, findet sich nach wenigen Minuten zurecht. Einstellungsebenen, Masken und Ebenenstile funktionieren so, wie man sie erwartet. Für einfache Retuschen, Freisteller oder das Anpassen einer Social-Media-Grafik reicht das schon heute.

Funktioniert nicht schlecht. Hat aber Bugs. Und zwar nicht nur kosmetische.

Joey Sneddon, der Autor dieses Berichts, hat einen Punkt formuliert, den ich als Photoshop-Veteran unterschreibe: Ähnliche Funktionen an ähnlichen Stellen bedeuten noch lange nicht, dass sie sich gleich verhalten oder das gleiche Ergebnis liefern. Adobe hat Füllmethoden, Filter und inhaltsbasierte Werkzeuge über Jahrzehnte feingetunt. Ein Nachbau kann sich am beobachteten Verhalten orientieren, aber er trifft die Pixel nicht exakt. Wer nur gelegentlich Bilder bearbeitet, merkt das nicht. Wer ein YouTube-Tutorial Schritt für Schritt nachbaut oder eine Bildserie für einen Kunden konsistent halten muss, merkt es sehr wohl.

Welche Bugs bremsen gerade?

Ein Blick in den Issue-Tracker auf GitHub ist aufschlussreich. PhotoCraft hat aktuell knapp 800 offene Issues. Das klingt dramatisch, ist bei einem zwei Wochen alten Projekt mit so viel Aufmerksamkeit aber eh normal. Spannender ist, was drinsteht. Schon in den ersten Tagen wurden unter anderem gemeldet:

  • Abstürze unter Windows mit Intel-Grafik, ausgelöst im Vulkan-Treiber. Der Workaround ist, auf DirectX umzuschalten.
  • Bildrotation, die nicht korrekt funktioniert.
  • Ein fehlender „Beenden“-Eintrag im Datei-Menü.
  • Keine PPI-Unterstützung wie in Photoshop, was für Druckvorstufe ein echtes Thema ist.

Dazu kommen Einschränkungen, die das Projekt selbst dokumentiert. Unter Linux mit Wayland funktioniert Drag-and-Drop von Dateien ins Fenster noch nicht, weil die zugrunde liegende Fensterbibliothek das nicht unterstützt.

Was mich positiv überrascht: Das Projekt versteckt das alles nicht. Es bittet ausdrücklich darum, Bugs mit Betriebssystem, Dokumentgröße, Ebenenanzahl und Screenshot zu melden. So sieht ein ernst gemeintes Alpha aus.

Mein Tipp, falls du selbst testen willst: Nimm die Installer von der offiziellen Release-Seite auf GitHub oder von getartcraft.com. Die Windows-Installer sind signiert, die Mac-Version ist signiert und notarisiert, und zu jedem Release gibt es eine Prüfsummendatei. Bei einem Projekt, das so schnell so bekannt wird, tauchen erfahrungsgemäß bald inoffizielle Builds und Forks auf. Ein Snap-Paket von Dritten gibt es bereits. Und arbeite nie mit Originaldateien, sondern mit Kopien. Eine Alpha, die PSDs neu schreibt, ist kein Ort für den einzigen Stand eines Kundenprojekts.

Ist „Clean-Room“ rechtlich wirklich sauber?

ArtCraft beschreibt alle Apps als Clean-Room-Reimplementierungen: gebaut aus öffentlichen Spezifikationen und beobachtetem Verhalten, ohne Adobe-Code, Shader oder Assets. Bei PSD stützt sich das Projekt auf Adobes öffentliche Dateiformat-Spezifikation.

Hier bin ich mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, ob der Begriff hält, was er verspricht. Klassisch verlangt Clean-Room zwei streng getrennte Teams: eines analysiert das Original, das andere schreibt Code, ohne das Original je gesehen zu haben. Bei ArtCraft arbeitet ein Entwickler mit einem Sprachmodell, das auf riesigen Mengen öffentlichen Codes und öffentlicher Dokumentation trainiert wurde. Ob das juristisch dasselbe ist, hat noch kein Gericht entschieden.

Das größere Risiko liegt meiner Einschätzung nach aber gar nicht im Code. Adobe hält tausende Patente, und wie viele davon Funktionen wie inhaltsbasiertes Füllen oder bestimmte Auswahlwerkzeuge betreffen, weiß derzeit niemand. Dazu kommt das Aussehen: Wenn Menüs, Tastenkürzel und Dialoge bewusst wie beim Original angeordnet sind, ist das für Umsteiger großartig und für Anwälte interessant. Eine konkrete Klage ist bisher nicht bekannt. Schauen wir mal, wie lange das so bleibt.

Ein Detail, das man nicht übersehen sollte: Gratis heißt nicht ohne Geschäftsmodell. Die Bearbeitungs-Apps selbst sind kostenlos und brauchen kein Konto. ArtCraft bietet auf seiner Website aber Abos an, die Credits für generative KI-Funktionen enthalten. Das ist legitim, nur eben auch eine Form von Abo-Logik.

Für wen lohnt sich der Umstieg heute?

Für die meisten Profis: noch nicht. Wer täglich in Photoshop oder InDesign für Kunden produziert, braucht Verlässlichkeit, Plug-ins, exakte Farbwiedergabe und Druckvorstufe ohne Überraschungen. Das liefert keine der Crafting Apps in diesem Zustand.

Spannend ist das Projekt aber für drei Gruppen. Für die Grafikerin, die nur alle paar Wochen eine PSD öffnen muss und dafür kein Abo mehr zahlen will. Für alle, die unter Linux arbeiten und bisher mit GIMP oder Wine-Konstruktionen leben mussten. Und für alle, die Bildbearbeitung automatisieren wollen. Ein Photoshop-Klon, den ein KI-Agent per MCP oder Kommandozeile fernsteuern kann, ist für Batch-Workflows schon jetzt interessanter als manches kommerzielle Produkt.

Ich beobachte in meiner Beratungsarbeit mit EPU und KMU, dass das Adobe-Abo für viele kleine Betriebe längst eine Gewohnheit ist und keine bewusste Entscheidung mehr. Genau da setzt dieses Projekt an. Es stellt die Frage, ob man für fünf Prozent der Funktionen wirklich hundert Prozent des Preises zahlen muss. Dazu kommt ein Aspekt, der in Europa mehr zählt als anderswo: Die Apps laufen lokal, ohne Konto und ohne Cloud-Zwang. Das passt zu dem, was ich über Open Source als Weg zu digitaler Souveränität geschrieben habe.

Häufige Fragen zu PhotoCraft und ArtCraft

Ja. PhotoCraft und die anderen Crafting Apps sind Open Source unter MIT oder Apache 2.0 und ohne Konto nutzbar. Kostenpflichtig sind nur optionale Abos mit Credits für generative KI-Funktionen von ArtCraft.

Ja, PSD und PSB lassen sich öffnen, bearbeiten und speichern. Die Darstellung bleibt laut Projekt in fast allen Testfällen gleich, die Datei wird beim Speichern aber neu geschrieben und ist danach nicht byte-identisch mit dem Original.

Ja, zum großen Teil. Brandon Thomas hat die Apps nach eigener Aussage mit Claude Opus 5.5 geschrieben. Die Architektur mit über 1.700 Tests zeigt aber, dass dahinter erfahrene menschliche Steuerung steckt.

Derzeit nicht. Das Projekt sagt selbst, dass es sich um eine frühe Alpha handelt. Es fehlen generative Funktionen, einige Werkzeuge, Plug-in-Kompatibilität und Tiefe in der Typografie, dazu kommen Bugs.

Was das für Adobe bedeutet

Ich glaube nicht, dass Adobe wegen PhotoCraft nächstes Jahr Kunden in Scharen verliert. Ich glaube aber, dass sich gerade etwas Grundsätzliches verschiebt. Bisher war das Argument für Adobe nicht nur Qualität, sondern auch die schiere Größe des Funktionsumfangs. Niemand konnte das in vertretbarer Zeit nachbauen. Diese Annahme ist seit Ende September Geschichte.

Ob ArtCraft in einem Jahr noch existiert, weiß niemand. Die nächste Kopie kommt aber so sicher wie das nächste Adobe-Preisupdate.

Ich behalte meine Creative Cloud vorerst. Aber ich hab PhotoCraft installiert gelassen. Und ich werde mir jedes Release anschauen.

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Alex Januschewsky – Zertifizierter KI-Beauftragter und Werbefachmann
Alex Januschewsky

Alex Januschewsky ist Werbefachmann, zertifizierter KI-Beauftragter (ISO 42001, EU AI Act-Konformität) und Microsoft MVP Alumni. Seit 1989 in Werbung und Design aktiv, spezialisiert auf den professionellen Einsatz von Generativer KI: kreativ, strategisch, praxisnah. Seit über 30 Jahren entwickle ich Kommunikation, die nicht auf Hype setzt, sondern auf echte Wirkung. Klar, klug und mit einem tiefen Verständnis für Technologie und Sprache. In diesem Blog teile ich Ideen, Impulse und erprobtes Wissen für Unternehmer, Entscheider und KI-Enthusiasten, die mehr wollen als Schlagwörter und bunte Versprechen.

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Alex Januschewsky, Prompt Rocker, wohnhaft in Salzburg, tätig in Österreich
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