Ich rede ständig mit Leuten über generative KI, und bei gefühlt 99 Prozent läuft es auf dasselbe hinaus: Texte verbessern, Texte übersetzen, lustige Bilder machen, Bildprompts aus Facebook-Gruppen ausprobieren. Das ist, als würdest du dir einen Hammer kaufen und damit ausschließlich Bilder aufhängen. Mit diesem Hammer kann man Gartenhäuser bauen.
Ich arbeite seit über 36 Jahren in der Kommunikationsbranche und berate heute EPU und KMU in der DACH-Region. Mein Eindruck: Die meisten kratzen bei ihrem KI-Werkzeug an der Oberfläche, weil Nachdenken mühsamer ist als Nachfragen. Du liest hier, woran das liegt, was du stattdessen bauen kannst und wo die Grenzen verlaufen. Anfangen möchte ich bei meinem eigenen Blog, der mir das Problem jede Woche vorführt.
- Vibe Coding
- Du beschreibst einer KI in normaler Sprache, was du bauen willst, und sie schreibt den Code dazu.
- MCP (Model Context Protocol)
- ein offener Standard, über den eine KI auf externe Werkzeuge wie deine Website oder deinen Kalender zugreifen kann.
- Halluzination
- eine überzeugend klingende, aber erfundene Antwort einer KI.
- AI Literacy
- die Fähigkeit, KI-Systeme informiert einzusetzen und ihre Risiken zu kennen, in Österreich und der EU als KI-Kompetenz gesetzlich verankert.
Was zeigt mir mein eigener Blog über den Umgang mit KI?
Ich hab täglich sehr viele Leser, was mich ehrlich freut! Mein Blog ist ein ehrlicher Spiegel. Tutorials laufen gut, Vibe Coding läuft gut. Fachliche Themen, die jemanden wirklich weiterbringen, laufen mittelprächtig. Der All-time-Winner: Wie mache ich mit KI Bilder besser und wie erwecke ich eine Kinderzeichnung zum Leben.
Ich habe nichts gegen diese Artikel, sonst hätte ich sie ja nicht geschrieben. Eine Kinderzeichnung, die plötzlich als Figur vor dir steht, ist ein schöner Moment, und für manche Leute ist es die Tür zur KI. Mich beschäftigt, dass hinter dieser Tür so selten eine zweite kommt.
Die meisten Menschen nutzen generative KI, um Antworten zu bekommen, statt Probleme zu lösen. Wer ein Problem lösen will, muss zuerst wissen, was sein Problem ist, und genau diesen Schritt überspringen fast alle.
Alex Januschewsky
Warum greifen wir bei KI zur Fertiglösung?
Meine These, und ich bleibe dabei: Menschen denken bei KI nicht gerne nach. Ich würde das allerdings anders formulieren, weil es nach Vorwurf klingt. Genauer ist: Ein fertiger Prompt liefert in zwanzig Sekunden ein Ergebnis, und diese Belohnung ist sofort da. Ein Problem zu lösen verlangt dagegen drei unbequeme Dinge. Du musst das Problem beschreiben, das Ergebnis prüfen und nachbessern.
Dazu kommt, dass ein Prompt aus einer dubiosen Facebook-Gruppe das Problem eines Fremden löst. Jemand hat sich dort einen Effekt gewünscht, hat so lange gebastelt, bis er passte, und du kopierst das Ergebnis. Es fühlt sich nach Arbeit an, ist aber Konsum.
Ich bin mir da nicht ganz sicher, aber mein Eindruck ist, dass es selten Faulheit ist. Es fehlt die Übung darin, eigene Probleme so genau zu beschreiben, dass eine Maschine damit etwas anfangen kann. Das lernt man in keiner Schule, und es lässt sich trainieren. Genau dort liegt die Chance, weil dieselbe Fähigkeit auch jede Zusammenarbeit mit Menschen besser macht.
Was kann KI, wenn du sie als Werkzeug einsetzt?
Hier sind Beispiele aus meinem Alltag, keine Zukunftsmusik.
Die eigene Website neu bauen. digitalhandwerk.rocks hat letzte Woche ein umfassendes Redesign bekommen, und du siehst das Ergebnis gerade: schlanker, schneller, moderner. Hinter dieser Seite läuft einiges an Code, damit sie so aussieht, wie sie aussieht, und ich mich aufs Schreiben konzentrieren kann. Gebaut hat das Claude. Ich habe gesagt, was ich haben möchte, Claude hat umgesetzt, ich habe kontrolliert und ab und zu auch gestritten. Am Ende stand die Seite so da, wie ich sie wollte. Mit meinem beruflichen Know-how hätte ich das auch selbst hinbekommen, aber nie in dieser Zeit. Ich hätte dafür extrem viele Stunden gebraucht, und genau die stecken jetzt in neuen Artikeln.
Websites warten. WordPress läuft laut W3Techs auf rund 40 Prozent aller Websites und ist damit weiterhin Marktführer. Fehler stecken dort an Stellen, die kein Betreiber je öffnet. Bei einem Restaurantbesitzer aus dem Flachgau war das Reservierungsformular drei Wochen kaputt, und niemand hat es bemerkt, bis ihn eine Stammkundin im Supermarkt darauf ansprach. Gefunden hat den Fehler Claude, verbunden über das Model Context Protocol mit dem WordPress-Plugin WPVibe. Nach etwa anderthalb Minuten lag die Ursache auf dem Tisch: Ein Update des Formular-Plugins erwartete eine neue Route, das Theme zeigte noch auf die alte. Wie das genau abläuft, habe ich in meinem Artikel über WPVibe und Claude bei der WordPress-Fehlersuche beschrieben.
SEO überprüfen. Leere Meta-Descriptions, fehlende Strukturdaten, Seiten, die auf Mobilgeräten langsam laden: Das findet eine KI in einem Durchgang, wenn sie Zugriff auf die echte Seite hat und nicht nur auf deine Beschreibung davon.
Kleine Tools bauen. Ich war nie ein richtiger Programmierer, habe aber auf dem Commodore VC 20 gelernt, wie ein Computer denkt. Heute habe ich ein Strom-Dashboard, einen KMU.DIGITAL-Förderrechner als einbettbares Widget und n8n-Workflows, die meine Morgen-Briefings erstellen und E-Mails sortieren. Mein Plugin für die KI-Kennzeichnung bei Beitragsbildern hat eine knappe Stunde gedauert. Der Einstieg war bei mir übrigens harmlos, mit einem Headshot-Generator, einer App für E-Ladestationen und einem Haustier im Gameboy-Look. Das Prinzip dahinter erkläre ich in meinem Artikel über Vibe Coding ohne Programmierer. Und weil das Spielkind in mir niemals schläft, hab ich über diesen Weg auch mein Lieblings-Arcade-Spiel aus den 1980ern neu zum Leben erweckt.
Was bringt es dir, wenn du tiefer gehst?
Der größte Gewinn ist Zeit, aber nicht die, die du erwartest. Als Einzelkämpfer ohne Entwicklungsabteilung habe ich vibecraft.rocks gebaut: sieben Seiten, ein komplettes Design-System, ein REST-API-Endpunkt mit Cache und eine Datenschutzerklärung nach österreichischem Recht. Ein Abend, eine Nacht Schlaf, ein Vormittag. Früher hätte das ein Team mehrere Wochen beschäftigt. Dass es so schnell ging, hat mich selbst überrascht, und es ist der Grund, warum ich EPU und KMU ermutige, nicht beim Textpolieren stehen zu bleiben. Und dann auch noch meine „Prompt Rocker“ Webseite. Die Seite ist ein Scrollytelling-Erlebnis: Beim Scrollen läuft ein mit Higgsfield KI-generiertes Video scroll-gesteuert ab und führt von der Welt der Betriebe bis ins Büro, wo Text und Angebote darüber einblenden. Gebaut ist sie mit Claude, was zum Gesamtbild passt: ein cineastischer, bewusst reduzierter Auftritt, der das eigene Handwerk (KI-generierte Visuals plus Code) zugleich als Referenz zeigt.
Der zweite Gewinn ist Unabhängigkeit. Wenn du ein Werkzeug selbst beschreiben und bauen lassen kannst, brauchst du nicht auf das Standardprodukt zu warten, das fast passt. Mein persönlicher KI-Assistent VINCI kennt meinen Kalender und meine E-Mails, er läuft auf meiner eigenen Infrastruktur, und er ist kein Produkt, das ich verkaufe. Ich habe ihn gebaut, weil kein fertiges Produkt konnte, was ich brauche. Nicht alles daran ist elegant, aber alles funktioniert, und alles gehört mir.
Der dritte Gewinn ist leiser, und er ist mir erst später aufgefallen: Du verstehst dein eigenes Geschäft besser. Wer einer KI einen Ablauf erklären muss, merkt, wo der Ablauf selbst Löcher hat.
Welche Tools brauchen EPU und KMU wirklich?
Das sind meine Vorschläge, wenn mich jemand fragt, wo er anfangen soll. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie lösen ein Problem, das sich jede Woche wiederholt.
- Ein Angebotsrechner, der aus drei Eingaben ein sauberes Angebot samt Preis ausspielt.
- Ein Preislisten-Konverter, der PDFs von Lieferanten in eine Tabelle verwandelt, die dein Warenwirtschaftssystem schluckt.
- Eine Mail-Vorsortierung, die Kundenanfragen von Newslettern und Rechnungen trennt.
- Ein Rechnungs-Check, der Beträge, Steuersätze und Pflichtangaben gegenliest, bevor du abschickst.
- Alt-Texte für hundert Produktbilder in einem Durchlauf, mit deiner Kontrolle am Ende.
Keines davon ist spektakulär, und genau das macht sie wertvoll. Die Steuerberaterin spart sich den Montagvormittag, der Installateur den Abend am Schreibtisch. Hier fängt das Gartenhaus an.
Und was ist mit dem Einwand, dass dafür keine Zeit bleibt? Den höre ich oft, und ich nehme ihn ernst. Aber rechne es einmal durch: Wer eine Stunde in ein Werkzeug steckt, das jede Woche zwanzig Minuten spart, hat die Investition nach dreimal wieder drin. Bei einer Aufgabe, die du ohnehin jede Woche erledigst, ist die Zeit also eher ein Argument dafür als dagegen. Schwieriger ist, dass du dich dafür einmal hinsetzen und überlegen musst, welche Aufgabe das überhaupt ist.
Wo hört das Werkzeug auf und wo fängst du an?
Wer ein Gartenhaus baut, braucht Fundament, Wasserwaage und einen Plan. Bei KI sind das drei Dinge.
Erstens: Prüfen. Eine KI liefert Code, der auf den ersten Blick funktioniert und ein strukturelles Problem hat, das sich erst später zeigt. Ich lasse alles, was ich einsetze, gegenlesen, von einer zweiten KI-Instanz mit anderem Kontext oder von einem Menschen, der die Materie versteht. Das kostet Zeit und spart mehr, als es kostet. Das gilt genauso für jede Halluzination in einem Text oder einer Zahl.
Zweitens: Entscheiden. Das Prinzip Human-in-the-Loop heißt: Du bist die letzte Instanz. Bei WPVibe arbeitet die KI zuerst in einer Entwurfskopie, ich schaue mir die Vorschau an, und erst nach meiner Freigabe geht etwas live. Vor einem Eingriff auf einer Live-Seite gehört ein Backup dazu. Das ist ein Sicherheitsgurt, kein Misstrauen.
Drittens: Daten. Wer Werkzeuge baut, die Kundendaten berühren, muss wissen, welche Daten wo liegen, wie lange und mit welcher Rechtsgrundlage. Die DSGVO ist kein Nachgedanke, sondern ein Teil der Bauzeichnung. Wer das auslässt, zahlt später mit Zinsen.
Ein guter Prompt gibt dir übrigens einen guten ersten Entwurf. Was danach kommt, ist Handwerk, und das lässt sich lernen.
Warum brauchen Firmen AI Literacy, bevor sie KI einsetzen?
In Firmen sieht es besser aus als bei Privatpersonen, aber ich erlebe dort andere Dinge, die mich ärgern. Mitarbeiter nutzen die firmeninterne KI, ohne je eine Schulung gehabt zu haben. Firmen wissen nicht, was sie kennzeichnen müssen, um auf der sicheren Seite zu sein. Wenn ich in der Beratung nach einer dokumentierten KI-Schulung frage, kommt meistens Schweigen.
Dabei ist die Lage klar. Artikel 4 des EU AI Act gilt seit dem 2. Februar 2025, die Durchsetzung durch die nationalen Marktüberwachungsbehörden beginnt laut den Fragen und Antworten der EU-Kommission zur KI-Kompetenz ab August 2026. Der Digital Omnibus hat die Pflicht nicht gekippt: Sie bleibt bestehen, schreibt aber kein bestimmtes Niveau mehr vor. Ein Zertifikat verlangt die Kommission nicht, eine interne Dokumentation der Schulungen genügt. Die Kommission nennt als Beispiel ausdrücklich Beschäftigte, die ChatGPT für Werbetexte oder Übersetzungen nutzen: Sie sollen über Risiken wie Halluzinationen Bescheid wissen.
Wer das sauber erledigen will, kann meinen kostenlosen AI-Literacy-Test machen. Er hat sechs Module, du brauchst pro Modul 80 Prozent richtige Antworten und bekommst am Ende ein Zertifikat mit deinem Namen, ohne Registrierung. Das Zertifikat ist freiwillig, aber ein Nachweis, den du im Ernstfall herzeigen kannst, schadet nicht.
Dazu kommt die Kennzeichnung. Seit 2. August 2026 gelten die Transparenzpflichten nach Artikel 50, und wer fotorealistische KI-Bilder veröffentlicht, die wie echte Fotos wirken könnten, muss das offenlegen. Welche Bilder wirklich betroffen sind, habe ich im Artikel zur Kennzeichnung von KI-Bildern und Chatbots aufgedröselt.
Wie fängst du heute an?
Das macht Sinn in fünf Schritten, und du brauchst dafür keinen Kurs.
- Ärgernis aufschreiben. Was hat dich in dieser Woche Zeit gekostet, das du schon einmal gemacht hast?
- Problem beschreiben. Schreib es in drei Sätzen so auf, als würdest du es einer neuen Kollegin am ersten Tag erklären.
- Rückfragen zulassen. Bitte die KI, dir zuerst Fragen zu stellen. Ihre Fragen zeigen dir, was du selbst noch nicht durchdacht hast.
- Prüfen und nachbessern. Melde Fehler konkret, mit Beispiel und Erwartung. Rechne mit mehreren Runden.
- Vor dem Einsatz klären. Welche Daten fließen, wer hat Zugriff, was muss gekennzeichnet werden?
Du wirst bei Schritt zwei hängen bleiben, und das ist gut so. Genau dort lernst du mehr über dein eigenes Geschäft als in jedem Prompt-Katalog.
Du kannst weiter Bilder aufhängen, auch das ist ein legitimer Einsatz für einen Hammer. Oder du suchst dir diese Woche ein Problem, das dich nervt, und fängst an, das Fundament für dein Gartenhaus zu gießen.





