Zwei Wochen. So lange war Gemini 4 Argon das stärkste Modell von Google, dann hat am 28. Oktober 2026 Gemini 4 Carbon nachgelegt. Argon hab ich bis heute nicht live getestet, weil es in meinem Google-Workspace-Account schlicht nicht aufgetaucht ist. Jetzt steht der Nachfolger da, und meine Einschätzung hat sich nicht bewegt: Carbon ist eine beeindruckende Tabelle, für EPU und KMU in Österreich aber noch kein Werkzeug.
Nach diesem Artikel weißt du, welche Zahlen von Google selbst stammen, welche unabhängig gemessen wurden, was Carbon kosten soll und warum Firmenkonten schon bei Argon hinten angestanden sind. Ich bin seit 1989 in der Kommunikationsbranche und schreibe auf digitalhandwerk.rocks laufend über genau diese Lücke zwischen Launch-Post und Arbeitsalltag. Also zuerst zu dem, was Google tatsächlich angekündigt hat.
- Fairwind Program
- Googles Zugangsprogramm, über das ausgewählte Partner aus der Cyberabwehr neue Modelle vor allen anderen bekommen.
- Long-Horizon-Aufgabe
- eine Aufgabe, an der ein KI-Agent über viele Schritte und lange Zeit selbstständig arbeitet, etwa die Fehlersuche quer durch eine große Codebasis.
- Artificial Analysis Intelligence Index
- ein Sammelwert des unabhängigen Anbieters Artificial Analysis, der mehrere Benchmarks zu einer einzigen Zahl verdichtet.
Was hat Google mit Gemini 4 Carbon angekündigt?
Den Launch-Post hat wie schon bei Argon Koray Kavukcuoglu geschrieben, Senior Vice President bei Google DeepMind. Google nennt Carbon sein bislang stärkstes Modell und stellt zwei Felder in den Vordergrund: Cybersicherheit und Long-Horizon-Aufgaben. Laut Google haben interne Teams Carbon tagelang an komplexen Engineering-Aufgaben arbeiten lassen, etwa beim Aufspüren und Beheben versteckter Bugs in großen Codebasen.
Die Schlagzeilenzahl: Auf der neuen Version 5.0 des Artificial Analysis Intelligence Index liegt Carbon mit 59 Punkten auf Platz eins. Das berichten neben Google auch technology.org und mehrere Fachdienste.
Dazu kommen drei Cyber-Benchmarks, die Google entlang der Arbeit eines Sicherheitsteams aufreiht. 88,2 Prozent auf SEC-bench Pro für das Finden echter Schwachstellen, 54,8 Prozent auf ExploitGym für die Frage, ob eine Lücke tatsächlich ausnutzbar ist, und 71,0 Prozent auf CWE-bench für das Beheben an der Ursache. Diese Werte hat Google veröffentlicht, die Fachpresse übernimmt sie. Eine unabhängige Nachmessung hab ich nicht gefunden.
Das gilt auch für die Sicherheitszahlen. Im Gray-Swan-Benchmark für indirekte Prompt Injection soll Carbon laut Herstellerangabe jeden getesteten Angriff abgewehrt haben, Argon lag dort bei 0,7 Prozent erfolgreichen Angriffen. Und in Googles internen Tests halbiert Carbon die Zahl unbelegter Behauptungen gegenüber Argon ungefähr. Für meine Arbeit ist das die interessanteste Zahl im ganzen Post, weil ein Modell, das weniger erfindet, mir bei jeder Recherche Prüfzeit spart. Belegen kann ich sie nicht, sie stammt aus Googles eigenem Testlabor.
Ein Platz eins auf einer Bestenliste, die gerade erst neu aufgesetzt wurde, sagt mir weniger als ein Modell, das ich morgen früh in meinem eigenen Workflow aufrufen kann.
Wie belastbar ist der Platz eins im Index?
Google schreibt selbst, dass der Artificial Analysis Intelligence Index erst kürzlich auf Version 5.0 umgestellt wurde. Argon wurde noch auf der Vorversion 4.3.2 bewertet. Wer jetzt die alte Argon-Zahl neben die neue Carbon-Zahl legt, vergleicht zwei verschiedene Messlatten. Der Abstand zwischen den beiden Modellen mag real sein, nur sieht man ihn in dieser Gegenüberstellung nicht sauber.
Spannender finde ich einen zweiten, unabhängigen Blick. Vals AI hat Carbon bereits durch seinen eigenen Vals Index geschickt, der wirtschaftlich relevante Aufgaben misst. Dort landet Carbon laut Vals AI mit 70,36 Prozent auf Platz zwei von 29 Modellen, knapp hinter Claude Sonnet 5.5 mit 70,85 Prozent und knapp vor Claude Opus 5.5 mit 70,18 Prozent. Und jetzt kommt der Teil, der in keinem Launch-Post steht: Vals gibt für Carbon selbst eine Schwankungsbreite von plus/minus 0,97 Prozentpunkten an. Die drei Spitzenmodelle liegen also innerhalb der Messunsicherheit beieinander.
Was das konkret bedeutet: Auf dieser Liste teilen sich derzeit drei Modelle die Spitze, ein klarer Sieger lässt sich daraus nicht ablesen. Warum ich solche Bestenlisten generell nur als groben Filter verwende, hab ich in meinem Artikel über KI-Benchmarks und die Frage, ob ein Modell deinen Job erledigt ausführlich aufgeschrieben. Carbon ändert daran nichts.
Was kostet Gemini 4 Carbon?
Google übernimmt den Einführungspreis von Argon: 2 Dollar pro Million Input-Tokens und 10 Dollar pro Million Output-Tokens, gecachte Input-Tokens sind um 95 Prozent günstiger. Nach der Einführungsphase gelten 4 und 20 Dollar. Wie lange die Einführungsphase dauert, sagt Google nicht.
Die Seite von Vals AI führt Carbon übrigens bereits mit 4 und 20 Dollar. Ich rechne für Kundenprojekte immer mit dem Normalpreis, weil ein Workflow, der nur zum Aktionstarif aufgeht, nach der Einführungsphase zum Problem wird. Die Rechnung, warum ein niedriger Preis pro Token noch lange keinen niedrigen Preis pro Aufgabe bedeutet, hab ich bei Gemini 4 Argon und dem gestaffelten Start für Cyber-Partner durchgespielt. Sie gilt für Carbon genauso.
Wer darf Gemini 4 Carbon nutzen, und wann?
Ab dieser Woche bekommt eine Teilmenge von Cyber-Verteidigern Zugang. Danach öffnet Google schrittweise für weitere vertrauenswürdige Partner über das Fairwind Program. Entwickler, Unternehmen und Privatnutzer sollen Carbon bekommen, sobald Google genug Feedback gesammelt und die Guardrails nachgeschärft hat. Ein Datum gibt es nicht. Parallel nimmt Google wieder am freiwilligen Verfahren der US-Regierung teil, bei dem neue Modelle vor dem Release geprüft werden. Europa kommt im Post erneut nicht vor.
Wie so ein Stufenplan in der Praxis ausgeht, zeigt Argon. Vorgestellt am 30. September, zunächst nur für Fairwind-Partner. Am 13. Oktober kam Argon in die Gemini-App, und zwar für Abonnenten von Google AI Pro und Ultra. Bei Firmenkonten sieht es anders aus: Laut einer Auswertung von digitalapplied.com, die sich auf Googles Hilfeseite für Arbeitskonten stützt, steht in der Argon-Zeile bei allen Kern-Editionen von Business Starter bis Enterprise Plus nur „N/A“. Das ist eine Einzelquelle, deckt sich aber genau mit dem, was ich in meinem eigenen Workspace erlebt habe.
Wer über die Google Cloud geht, stößt auf die nächste Einschränkung. In Googles Dokumentation zu Gemini Enterprise ist Argon standardmäßig deaktiviert und nur in der Region „global“ verfügbar. Eine EU-Region ist für Argon dort nicht gelistet, während andere Modelle im selben Dokument sehr wohl in der EU-Region laufen. Für Betriebe, die ihre KI-Verarbeitung aus DSGVO-Gründen in der EU halten wollen, ist das kein Detail.
Meine Prognose, und es ist nur eine Prognose: Carbon wird denselben Weg gehen. Zuerst Cyber-Partner, dann Privatabos, und Workspace-Konten irgendwann danach. Das Muster kennt man von Google inzwischen. Bei den Gemini Skills, die Arbeitskonten und den EWR ausschließen, war es genauso.
Was heißt das für EPU und KMU in Österreich?
Nimm einen Einpersonenbetrieb in Salzburg, der seine ganze Büroarbeit über ein Workspace-Konto erledigt, ein Setup, das in kleinen Betrieben weit verbreitet ist. Für diesen Betrieb ist Carbon derzeit aus zwei Gründen außer Reichweite: Es ist noch gar nicht freigegeben, und schon der Vorgänger fehlt in seinem Kontotyp. Ein privates AI-Pro-Abo daneben zu buchen, löst das nur halb. Testen kannst du damit, mit Kundendaten arbeiten solltest du damit nicht, solange Verarbeitungsort und Auftragsverarbeitung für dieses Konto nicht geklärt sind. Ich bin zertifizierter KI-Beauftragter nach ISO 42001, und ich plane mit meinen Kunden nichts auf Basis eines Modells, das in ihrem Vertrag nicht vorkommt.
Konkret würde ich drei Dinge tun. Erstens keinen bestehenden Workflow umbauen, solange Carbon nicht in deinem Konto aufrufbar ist. Zweitens im Admin-Bereich von Workspace regelmäßig nachschauen, ob neue Modelle freigeschaltet werden, denn bei Gemini Enterprise ist Argon zum Beispiel standardmäßig aus und muss aktiv eingeschaltet werden. Drittens dir schon jetzt zwei, drei echte Aufgaben aus deinem Alltag zurechtlegen, mit denen du Carbon am ersten Tag prüfst. Bei Gemini 3.1 Pro hab ich das einen Monat lang im Praxistest gemacht, und die Ergebnisse waren aussagekräftiger als jede Tabelle.
Bleibt die Frage nach dem Tempo. Zwei Frontier-Modelle in zwei Wochen zeigen, wie hoch der Druck bei Google ist. Laut einem Bericht von Business Insider, den mehrere Seiten aufgegriffen haben, standen in einem internen Dokument drei Gemini-4-Namen: Argon, Barium und Carbon. Ich bin mir nicht ganz sicher, was das für die nächsten Wochen heißt, aber die Reihenfolge im Alphabet lässt vermuten, dass Google noch nicht fertig ist.
Häufige Fragen zu Gemini 4 Carbon
Die Benchmark-Schlacht geht weiter, und Google hat für diese Runde eine starke Hand. Ich schau mir Carbon an dem Tag an, an dem es in einem Konto auftaucht, das ich für Kundenarbeit verwenden darf. Den vollständigen Launch-Post von Google zu Gemini 4 Carbon und die unabhängige Auswertung von Vals AI kannst du bis dahin selbst nachlesen.
Titelbild: Google





