Gestern hat Anthropic Claude Duet vorgestellt, einen Agenten, der morgens mit einer Kurzübersicht kommt und im Hintergrund weiterarbeitet, während du längst etwas anderes tust. Ausprobieren kann ich ihn nicht, die Research Preview steht vorerst nur Abonnenten in den USA offen. Trotzdem lohnt der genaue Blick: Duet ist die Produktversion von dem, was ich seit Monaten mit Claude Cowork zusammenbaue, ein Agent bereitet vor und ein Mensch entscheidet.
Ich bin seit 1989 in der Kommunikationsbranche und berate EPU und KMU im DACH-Raum, deshalb schaue ich bei jedem neuen Agenten zuerst auf die Freigabe-Logik. Hier steht, was angekündigt wurde, wo die Sicherheitsfragen liegen und was du bis zum Europastart tun kannst. Zuerst zur Frage, wer überhaupt reindarf.
- Research Preview
- frühe Version eines Produkts, die ein Anbieter bewusst vor der Fertigstellung freigibt, um Rückmeldungen zu sammeln.
- Proaktiver Agent
- ein KI-System, das von sich aus meldet, was Aufmerksamkeit braucht, statt auf eine Eingabe zu warten.
- Connector
- eine autorisierte Verbindung zwischen Claude und einer App wie Gmail, Slack oder Stripe.
Ich lasse einen Agenten nur dann ins Postfach, wenn er nichts versenden kann, ohne dass ich es vorher sehe.
Was ist Claude Duet und wer darf es nutzen?
Anthropic hat Claude Duet am 21. Oktober 2026 als Research Preview geöffnet. Zugang gibt es über eine Warteliste, und zwar vorerst nur für Pro- und Max-Abonnenten in den USA, so steht es in der Ankündigung von Anthropic und bei CNBC. Duet läuft als eigene App für iOS und Android sowie auf claude.ai. Es ist im Abo enthalten und teilt dessen Nutzungslimits mit dem restlichen Claude, einen eigenen Preis nennt Anthropic nicht. Als Modell dient Claude Opus 5.5.
Die Branchenpresse stellt Duet neben Meta Muse und OpenAI Dots. Laut MacRumors haben alle drei eine virtuelle Maschine mit eigenem Browser.
Was kann Claude Duet im Alltag?
Jeden Morgen schickt Duet eine kurze Übersicht der wichtigsten Punkte aus den verbundenen Apps. Tagsüber beobachtet es diese Apps und meldet sich nur, wenn etwas deine Aufmerksamkeit braucht. Dazu kommen Aufträge, vom Termin vereinbaren bis zum Finanzmodell oder Dashboard. Laut Anthropic prüft Duet die Konten nur alle paar Stunden, weil Dauerüberwachung das Kontingent zu schnell aufbrauchen würde. „Proaktiv“ heißt hier also regelmäßig nachsehen, nicht in Echtzeit reagieren. Diese Angabe geht in der Werbesprache leicht unter.
Angebunden wird über den Claude Marketplace, nach Angaben von Anthropic stehen dort über 6.000 Connectors und Plugins bereit, etwa für Gmail, Slack, QuickBooks, Stripe, Gusto, HubSpot, Docusign und Shopify. Ein Beispiel aus der Ankündigung: Für eine Markenstrategin bereitete Duet ein Briefing zu einem Kundengespräch vor, bemerkte, dass der Termin direkt vor ihrem Flug lag, und bot an, ihn zu verschieben. Genau diese Art Aufmerksamkeit erwarte ich von einem Assistenten. Nur stammt das Beispiel von Anthropic selbst, eine unabhängige Prüfung gibt es noch nicht.
Für EPU und KMU sind die weiteren Beispiele aus der Ankündigung interessant. Laut Anthropic prüft Duet in QuickBooks oder Stripe offene Rechnungen und entwirft Zahlungserinnerungen, bereitet Folgemails aus der HubSpot-Historie vor und schickt Verträge über Docusign zur Unterschrift. Für Einkäufe nutzt es Stripes digitale Geldbörse Link, die mit einer virtuellen Karte zahlt, damit deine echte Kartennummer nicht weitergegeben wird. Die Anmeldung mit Logins aus 1Password soll später folgen.
Anthropic sagt auch, wo Duet schwächelt: Es kann einen Mailverlauf falsch lesen und die Dringlichkeit falsch einschätzen. Private Erledigungen wie Ticketbuchungen gelingen schlechter als Arbeitsaufgaben.
Wie sicher ist ein Agent mit Zugriff auf Postfach und Kalender?
Anthropic nennt mehrere Schutzschichten. Duet sieht laut Anthropic und MacRumors nie direkt deine Passwörter oder Anmelde-Tokens. Ein eigener Klassifikator prüft jede Nachricht auf Datenabfluss: Kreditkartennummern und Ausweisdaten gibt Duet nicht heraus, Gesundheits- oder Finanzdaten nur, wenn du es ausdrücklich verlangst. Vor dem Senden, Bezahlen, Unterschreiben und Löschen zeigt Duet laut Anthropic, was es vorhat, und wartet auf dein Ja. Wertpapierhandel und Überweisungen zwischen Konten bleiben ganz gesperrt. Gegen Prompt Injection, also versteckte Befehle in Mails oder Webseiten, setzt Anthropic auf Erkenntnisse aus seiner Browser-Forschung.
Das alles ist eine Herstellerangabe. Meine Einordnung: Duet vereint per Design drei Eigenschaften, die ein Agent nicht gleichzeitig haben sollte. Er liest sensible Daten, er verarbeitet Fremdinhalte wie eingehende Mails, und er kann nach außen kommunizieren. Warum diese Mischung so heikel ist, habe ich bei OpenClaw und der Frage der Agenten-Sicherheit ausführlich beschrieben. Die Guardrails fangen vieles ab, die Freigabe durch den Menschen ist aber der eigentliche Schutz, auf Englisch Human-in-the-Loop.
Ich weiß, wie das in der Praxis aussieht. Als ich Claude Cowork zwei Wochen allein im Büro gelassen habe, lief 99 Prozent sauber. Das eine Prozent war eine gut gemachte Phishing-Nachricht, die der Agent nicht erkannt hat. Passiert ist nichts, weil im Draft-Modus alles als Entwurf im Postfach lag. Dass Duet diese Logik ab Werk mitbringt, find ich die stärkste Seite des Produkts.
Was ändert sich gegenüber Cowork und Dispatch?
Bei Dispatch schickt das Handy die Aufgabe, ein Rechner zuhause führt sie aus. Beschrieben habe ich das im Artikel über den alten Laptop und seine neue Rolle als Agent-Rechner beschrieben. Der Rechner muss dafür laufen, in meinem Urlaubstest war das ein Mac mini im Büro. Duet hat laut Anthropic eine eigene virtuelle Maschine und braucht weder Laptop noch Handy im Betrieb. Der Mac mini fällt weg.
Dazu kommt die Richtung: Cowork wartet auf meinen Auftrag, Duet kommt zuerst zu mir. Duet übernimmt außerdem Memory, Skills und verbundene Apps aus dem Claude-Konto, die Einrichtung ist kurz. Wie Duet mit lokalen Ordnern umgeht, steht in der Ankündigung nicht.
Dagegen steht: Duet lebt in einer eigenen App, getrennt vom Haupt-Claude, und kann seinen Browser noch nicht zeigen. Du siehst also nicht, was der Agent gerade tut. Ich bin mir nicht sicher, ob zwei getrennte Apps lange Bestand haben, mein Eindruck ist: eher nicht. Anthropic selbst schreibt, die Erfahrungen der ersten Nutzer sollen bestimmen, wie beide zusammenarbeiten.
Was heißt das für EPU und KMU in Österreich?
Einen Termin für Europa nennt die Ankündigung nicht. Zu Auftragsverarbeitung und Datenstandort steht dort ebenfalls nichts. Das ist für dich der entscheidende Punkt: Sobald ein Agent Kundenmails liest, gehen personenbezogene Daten an einen Dienstleister, und dafür brauchst du einen Auftragsverarbeitungsvertrag nach Artikel 28 DSGVO. Ohne Aussage dazu würde ich Duet nicht auf Kundenpostfächer loslassen, auch wenn es hier verfügbar wäre.
Dazu kommt die Abhängigkeit. Claude Fable 5 war wegen US-Exportkontrollen vom 12. Juni bis zum 1. Juli 2026 für alle Nutzer abgeschaltet, ich habe das im Beitrag zum Fall Fable 5 und Europa eingeordnet. Wer Abläufe auf ein Produkt baut, das gerade nur in den USA existiert, baut auf Sand.
Drei Fragen stelle ich jedem Kunden, bevor ein Agent Zugriff bekommt: Welche Daten liest er? Wer gibt frei, bevor etwas das Haus verlässt? Und wo liegt das Protokoll, falls etwas schiefgeht? Bleibt eine davon offen, bleibt der Zugriff zu.
Was ich jetzt tun würde: Du kannst auf Duet warten. Oder du übst die Freigabe-Logik schon heute in Cowork, mit Entwurf statt Versand, sauberer Kontextdatei und klarer Liste, was der Agent niemals allein tun darf. Das zahlt sich bei jedem Agenten aus, auch bei Duet.






