Der Mann, dessen Chips Europas KI-Pläne antreiben, erklärt uns, wir sollen endlich arbeiten. Der Kanzler antwortet mit einer Terminvereinbarung. Diese Szene aus Berlin vom 19. Oktober sagt mehr über die KI-Abhängigkeit Europas als manche Studie.
Ich bin seit 1989 in der Kommunikationsbranche, berate heute von Salzburg aus EPU und KMU bei KI und ärgere mich seit Jahren über den Stillstand auf diesem Kontinent. Meine These: Europa scheitert nicht an der Motivation, sondern daran, dass andere die Maschinen besitzen, auf denen unser Tempo läuft. Ich zeig dir, was in Berlin wirklich gesagt wurde, wie groß die Abhängigkeit in Zahlen ist und was du am Montag tun kannst. Fangen wir bei den Fakten an.
Was wurde in Berlin wirklich gesagt?
Jensen Huang, Chef von Nvidia, sagte auf dem Invest in Germany Summit, es schmerze ihn zu sehen, wie weit Deutschland zurückgefallen sei. Sein Rat: „Just get to work“. Das berichten der Euronews-Bericht zum Gipfel und die NZZ übereinstimmend. Die NZZ ergänzt, Huang halte es für eine europäische Eigenart, alles immer überdenken zu wollen. Zugleich lobte er Deutschlands Industriedaten und Ingenieurwissen und forderte, dieses Wissen im Land zu behalten, statt es zu exportieren.
Merz sagte laut Nvidia-Mitschrift, er wolle Huang regelmäßig treffen, „mindestens einmal im Jahr“, und die Fortschritte besprechen. Dann wolle er jemanden in seinem Büro sitzen sehen, der mit Deutschland als Investitionsstandort äußerst zufrieden ist. Das ist kein Jahresmeeting für ganz Deutschland, wie es in den LinkedIn-Posts dieser Tage klingt. Es ist ein Termin des Kanzlers mit einem Konzernchef. Das finde ich fast aufschlussreicher. Am selben Tag unterschrieben der Kanzler und zwei Ministerien eine Absichtserklärung mit Nvidia, und laut Handelsblatt will der Bund einen neunstelligen Eurobetrag beisteuern.
Merz wandte sich in Berlin außerdem an den Mittelstand: Die Betriebe sollten ihre Türen für KI öffnen, damit sie ihre Daten nutzen kann, davon hänge Deutschlands Zukunft als Industrieland ab, berichtet die NZZ. Das ist ein vernünftiger Satz. Er hilft einem Betrieb nur wenig, der nicht weiß, wohin seine Daten dann fließen.
Das ist, als würde dir dein Hauptlieferant erklären, du sollst mehr produzieren. Er hat recht und verdient daran. Das Bild hinkt leicht, weil Huang nicht nur verkauft: Er kündigte in Berlin auch Investitionen in vier deutsche Start-ups an. Aber ein Lieferant bleibt ein Lieferant.
Ich halte das für den Kern des Ganzen: Europa hat bei KI kein Motivationsproblem, sondern ein Abhängigkeitsproblem. Wer Chips, Cloud und Modelle von anderen bezieht, kann so fleißig arbeiten, wie er will. Das Tempo bestimmt trotzdem der Lieferant.
Wie abhängig ist Europa bei KI wirklich?
Ich hab schon nach einer ORF-Doku über Europas Abhängigkeit von amerikanischen Tech-Konzernen geschrieben, damals aus dem Bauch heraus. Diesmal hab ich nachgerechnet.
Fangen wir bei der Rechenleistung an. Europa stellt rund fünf Prozent der weltweiten KI-Rechenkapazität. Ifo-Präsident Clemens Fuest und seine Expertengruppe wollen den Anteil bis 2030 auf 15 Prozent heben. Fuest nennt außerdem eine Zahl, die wehtut: Europäische KI-Entwickler erwirtschaften zusammen weniger als zwei Prozent des Umsatzes von nur zwei US-Konkurrenten.
Bei der Cloud, also den Rechenzentren zum Mieten, sieht es nicht besser aus. Je nach Studie halten die US-Hyperscaler Amazon, Microsoft und Google grob zwei Drittel bis siebzig Prozent des europäischen Marktes. Forrester und Bitkom kommen auf leicht unterschiedliche Werte, die Richtung ist dieselbe.
Dann die Hardware. Die geplante deutsche AI-Gigafactory soll mit 100.000 Hochleistungschips laufen, und das Handelsblatt schrieb schon 2025, ohne Chips von Nvidia werde das kaum funktionieren. Auch die industrielle KI-Cloud, die die Telekom seit Februar 2026 gemeinsam mit Nvidia in München aufbaut, setzt auf rund 10.000 GPUs. Ich verstehe das, es gibt kaum eine Alternative. Nennen wir es trotzdem beim Namen: Europas Antwort auf Abhängigkeit ist bisher, sie in größeren Stückzahlen einzukaufen.
Und die eigenen Hoffnungen? Aleph Alpha ging im April 2026 mit dem kanadischen Anbieter Cohere zusammen. Mistral aus Paris ist der Lichtblick, den ich im Artikel zu Mistral 3 beschrieben hab. Ein Lichtblick ist aber noch kein Fundament.
Was passiert, wenn der Lieferant den Stecker zieht?
Das ist längst keine Denkaufgabe mehr. Anthropic brachte Claude Fable 5 am 9. Juni 2026 heraus. Am 12. Juni ordnete das US-Handelsministerium per Exportkontrolle an, dass Ausländer keinen Zugriff mehr haben dürfen. Weil sich die Nationalität der Nutzer nicht in Echtzeit prüfen ließ, schaltete Anthropic das Modell für alle ab. Am 30. Juni hob das Ministerium die Auflage auf, am 1. Juli kehrte Fable 5 zurück. Neunzehn Tage ohne Zugriff, und Europa hatte dabei kein Mitspracherecht. Was das konkret bedeutet, hab ich im Artikel zur Fable-Sperre durchgespielt. Ich arbeite selbst täglich mit amerikanischen Modellen und schreibe das nicht aus der Zuschauerloge.
Fable war nicht der erste Fall. Anfang 2025 verloren Richter des Internationalen Strafgerichtshofs über Nacht den Zugang zu ihren Microsoft-Konten, weil sie auf einer US-Sanktionsliste standen, berichtete die dpa. In der KPMG-Studie „Cybersecurity in Österreich“ geben 54 Prozent der Betriebe, die ihre Auslandsabhängigkeiten kennen, an, ohne ausländische Technologien nur bis zu drei Monate weiterarbeiten zu können. Drei Monate sind ein Quartal. Deutsche Unternehmen glauben laut Bitkom, im Schnitt 16 Monate ohne digitale Importe durchzuhalten. Das ist eine Selbsteinschätzung, kein Stresstest.
Sind wir in Österreich wirklich zu gemütlich?
Die Pointe vom gemütlichen Österreicher ist hübsch, die Zahlen widersprechen ihr. Laut der Erhebung von Statistik Austria zum IKT-Einsatz setzten 2025 30 Prozent der Unternehmen ab zehn Beschäftigten KI ein, EU-weit waren es 20 Prozent. 2021 lagen wir bei 9 Prozent. Gemütlich sieht anders aus.
Das eigentliche Problem steht im selben Datensatz: 77 Prozent der Unternehmen ohne KI-Nutzung haben es noch gar nicht in Erwägung gezogen. Die haben nicht lange überlegt und sich dagegen entschieden. Die haben gar nicht überlegt. Wohin die 30 Prozent ihre Daten schicken, sagt die Statistik nicht. Mein Eindruck aus der Beratung ist, dass der größte Teil nach Kalifornien funkt, ich bin mir da aber nicht sicher und hab dafür keine Zahl.
Ich hab einen Tischler aus dem Flachgau am Telefon gehabt, der KI für seine Angebote wollte. Er hat keinen IT-Administrator und keinen Serverraum. Souveränität kann man von so einem Betrieb nicht verlangen, die muss als Angebot da sein, bevor er fragt. Dort liegt die österreichische Schwäche: nicht im Tempo der Neugierigen, sondern darin, dass niemand den Nichtbeginnern einen europäischen Weg hinstellt.
Hat Europa überhaupt Hebel?
Ja, und das gehört zur ehrlichen Rechnung. Laut dpa hängen die USA und Taiwan bei Maschinen für hochentwickelte Chips komplett von ASML ab, einem niederländischen Unternehmen. Die EU-Kommission legte Anfang Juni 2026 ein Paket vor, mit dem Europa unabhängiger von US-amerikanischer und chinesischer Infrastruktur werden soll, samt Chips Act 2.0 und einer geplanten Ausschreibung für KI-Gigafabriken. Der europäische Anteil an der weltweiten Chipfertigung soll bis 2030 von rund zehn auf 20 Prozent steigen.
Auch von unten kommt Bewegung: Merz sagte im Gespräch mit Huang, die Hälfte der in den letzten zwei Jahren gegründeten deutschen Start-ups sei auf KI ausgerichtet. Das ist eine Aussage des Kanzlers, nachgeprüft hab ich sie nicht.
Die Brüsseler Maßnahmen sind Absichten und Regelwerke. Regulierung entsteht in Europa schneller als Infrastruktur, das macht Sinn, weil Gesetze billiger sind als Fabriken. Im Ernstfall fährt ein Gesetz aber kein Modell hoch. Und einen Punkt der LinkedIn-Kritik unterschreibe ich: Ein Jahr ist in der KI eine Ewigkeit, ob in Berlin, Brüssel oder Wien. Wer nur einmal jährlich nachschaut, merkt Abhängigkeit erst, wenn sie wehtut.
Was machst du am Montag?
Fang mit einer Inventur an, nicht mit einem neuen Tool. Schreib auf, welche Abläufe in deinem Betrieb an welchem Modell hängen, und beantworte pro Ablauf eine Frage: Was passiert, wenn das 19 Tage nicht läuft? Für Abläufe, die du nicht verlieren darfst, plane eine zweite Option ein, etwa ein Open-Weight-Modell wie Mistral auf eigener Infrastruktur oder eine Schnittstelle, die einen Anbieterwechsel zulässt. Wenn du noch gar nicht weißt, wo KI bei dir anfängt, ist mein KI-Check für EPU und KMU der leichtere Einstieg.
Huang hat recht damit, dass man anfangen muss. Er hat nur nicht dazugesagt, womit. Ich sag’s dir: mit dem Wissen, wo du heute abhängig bist. Das Jahresmeeting kannst du dir sparen, schau am Montag nach.






