Letzte Woche saß ich mit einem Handwerksbetrieb aus Salzburg zusammen. Drei Leute im Büro, zwei davon auf ChatGPT Free, einer auf Claude Pro, und keiner wusste, welche Daten wohin gehen. Die Frage war simpel: Worauf sollen wir uns festlegen?
Meine Antwort ist klar: Für kleine Unternehmen im DACH-Raum ist Claude im Herbst 2026 die bessere Wahl. Nicht weil ChatGPT schlecht wäre, sondern weil OpenAI in den letzten Monaten Entscheidungen getroffen hat, die ich als Berater nicht mehr guten Gewissens empfehlen kann.
In diesem Artikel bekommst du den aktuellen Modellstand beider Anbieter, eine Vergleichstabelle mit Preisen und Datenschutz, die ehrlichen Schwächen von Claude und meine Begründung, warum ich OpenAI kritisch sehe. Fangen wir bei dem an, was du überhaupt kaufst.
Welche Modelle stehen im Oktober 2026 zur Verfügung?
Beide Anbieter haben im September praktisch gleichzeitig eine neue Generation ausgerollt. Die Namen sind verwirrend, also der Reihe nach.
Die Claude-Familie von Anthropic
Anthropic sortiert seine Modelle in Stufen. Ganz oben steht Claude Fable 5.1, seit 1. September 2026 verfügbar und laut Anthropic das stärkste allgemein erhältliche Modell für Coding und Wissensarbeit. Dazu gibt es einen Zwilling namens Claude Mythos 5.1: gleiches Modell, weniger Schutzmechanismen, nur für geprüfte Organisationen zugänglich. Für dich als KMU spielt Mythos keine Rolle.
Darunter kommt die neue 5.5-Generation:
- Claude Opus 5.5 (seit 22. September 2026): das Arbeitstier für anspruchsvolle Aufgaben. Anthropic sagt, es liegt bei den meisten Aufgaben auf Fable-Niveau und kostet rund 40 Prozent weniger als Opus 5.
- Claude Sonnet 5.5 (seit 28. September 2026): schneller und günstiger, für den Großteil des Büroalltags völlig ausreichend.
- Claude Haiku 5.5 (seit 7. Oktober 2026): das kleine, sehr günstige Modell für Massenaufgaben wie Zusammenfassungen oder Klassifizierung.
Ein Haken, den viele übersehen: Fable 5.1 ist im Pro-Abo nicht im Kontingent enthalten. Auf Pro und auf Standard-Sitzen im Team-Plan läuft Fable nur über zusätzlich bezahlte Nutzungsguthaben. Im Max-Plan darfst du bis zur Hälfte deines Wochenlimits für Fable verwenden. Ehrlich gesagt: Für 95 Prozent der KMU-Aufgaben brauchst du Fable nicht. Opus 5.5 reicht.
Die GPT-6-Familie von OpenAI
OpenAI hat im September die Generation 6 gestartet, nur rund zwei Monate nach GPT-5.6. Die Reihenfolge:
- GPT-6 Astra (seit 3. September 2026): das Spitzenmodell, stark bei Computer Use. In ChatGPT heißt es im Modellwähler „GPT-6 Pro“ und ist Pro, Business und Enterprise vorbehalten.
- GPT-6 Sol (seit 22. September 2026): das ausgewogene Mittelfeld. Seit 7. Oktober ist es das Standardmodell im normalen Chat für Plus, Pro, Business und Enterprise.
- GPT-6.1 Sol (seit 29. September 2026): eine verbesserte Sol-Variante, vorerst in ChatGPT Work und Codex.
- GPT-6 Luna: das günstige Modell, das Free- und Go-Nutzer im Chat bekommen.
Was mir auffällt: Innerhalb von sieben Monaten hat OpenAI GPT-5.4, GPT-5.6 und GPT-6 ausgerollt, mit wechselnden Namen und wechselnder Planzuordnung. Für einen Betrieb, der Prompts und Abläufe standardisieren will, ist das kein Vorteil. Das ist Unruhe.
- Datenresidenz
- Die Zusage, dass deine Daten in einer bestimmten Region (etwa der EU) gespeichert oder verarbeitet werden.
- Opt-out
- Eine Funktion ist standardmäßig aktiv, du musst sie selbst abschalten.
- AVV (Auftragsverarbeitungsvertrag)
- Der Vertrag nach Art. 28 DSGVO, den du brauchst, sobald personenbezogene Daten an einen Dienstleister gehen. Englisch DPA.
Claude vs. ChatGPT: der direkte Vergleich
| Kriterium | Claude (Anthropic) | ChatGPT (OpenAI) |
|---|---|---|
| Stand | 15.10.2026 | 15.10.2026 |
| Spitzenmodell | Fable 5.1 | GPT-6 Astra |
| Standardmodell im Alltag | Opus 5.5 / Sonnet 5.5 | GPT-6 Sol (bezahlt), GPT-6 Luna (Free/Go) |
| Gratis-Tarif | ja | ja, mit Werbung |
| Einstiegsabo | Pro: 20 USD/Monat (17 USD bei Jahreszahlung) | Go: 8 USD/Monat (mit Werbung), Plus: 20 USD/Monat |
| Power-User | Max: 100 oder 200 USD/Monat | Pro: 100, 200 oder 500 USD/Monat |
| Team-Tarif Standard | 25 USD/Sitz monatlich, 20 USD jährlich | Business: 25 USD/Sitz monatlich, 20 USD jährlich |
| Team-Tarif Premium | 125 USD/Sitz monatlich, 100 USD jährlich | 125 USD/Sitz monatlich, 100 USD jährlich |
| Werbung | keine | Free und Go, in Österreich seit 24.08.2026 |
| Training mit Chats (Einzelabos) | standardmäßig an, abschaltbar | standardmäßig an, abschaltbar |
| Training mit Chats (Team/Business) | nein | nein |
| EU-Datenresidenz direkt beim Anbieter | nein | nur Enterprise, Edu und API |
| EU-Hosting über Cloud-Partner | ja, über AWS Bedrock oder Google Cloud | ja, über Azure |
Alle Preise netto in US-Dollar laut Anbieterangaben bzw. Preisübersichten, Stand 15.10.2026. Die Euro-Preise im Checkout können leicht abweichen.
Zwei Dinge springen ins Auge. Bei den Preisen gibt es praktisch keinen Unterschied mehr, seit OpenAI im April seinen Business-Tarif auf das Claude-Niveau gesenkt hat. Und beim Datenschutz sind beide schlechter, als ihre Marketingseiten vermuten lassen.
Warum ich trotzdem klar zu Claude rate
Ich arbeite seit über drei Jahren täglich mit beiden Systemen, in meiner Agentur und in der Beratung mit EPU und KMU. Mein ausführlicher LLM-Vergleich 2026 zwischen Claude, Gemini und ChatGPT kam schon im März zum selben Schluss. Was sich seither geändert hat, sind nicht die Modelle. Es ist OpenAI selbst.
Bei gleichem Preis und vergleichbarer Leistung entscheidet für mich das Geschäftsmodell. Ein Assistent, der mir Werbung zeigt, arbeitet nicht mehr nur für mich.
Was das konkret bedeutet:
Erstens: die Qualität im Alltag. Claude hält lange Aufgaben sauber zusammen, befolgt Vorgaben verlässlicher und schreibt Deutsch, das nicht nach Übersetzung klingt. Wenn eine Steuerberaterin aus Wels Mandantenbriefe in ihrem Ton braucht oder ein Installateur aus Hallein Angebote nach Schema, dann merkt man das. Benchmarks sind das eine. Was ich in Workshops sehe, ist das andere.
Zweitens: Claude ist mehr als ein Chat. Ab dem Pro-Abo sind Claude Code, Cowork, Projects und die Microsoft-365-Integration dabei. Für ein kleines Team, das Dokumente, Tabellen und Präsentationen aus einem Kundenordner erzeugen lassen will, ist das der eigentliche Hebel.
Drittens: keine Werbung, in keinem Tarif. Anthropic verdient mit Abos und API-Verträgen. Das macht Anthropic nicht zum Wohltätigkeitsverein, aber die Anreize sind sauberer.
Was ich an OpenAI kritisch sehe
Lass mich ehrlich sein: Ich war jahrelang überzeugter ChatGPT-Nutzer. Meinen Spitznamen „Prompt Rocker“ verdanke ich sogar der OpenAI-Ära. Die Gründe für meinen Wechsel habe ich in warum ich ChatGPT den Rücken gekehrt habe beschrieben. 2026 sind vier weitere dazugekommen.
Werbung im Assistenten. Seit 24. August 2026 zeigt ChatGPT in 31 europäischen Märkten Anzeigen, Österreich und Deutschland inklusive. Betroffen sind Free und Go, also ausgerechnet der Tarif, den viele EPU nutzen, weil ihnen 20 Dollar zu viel sind. Bemerkenswert: Auch das bezahlte Go-Abo um 8 Dollar zeigt Werbung. Warum mich das stört, steht in meinem Artikel zum Werbestart in ChatGPT.
Das Wort „safely“ ist weg. Im Zuge der Umwandlung in eine gewinnorientierte Public Benefit Corporation hat OpenAI das Wort „safely“ aus seinem Mission Statement gestrichen, wie The Conversation zur neuen OpenAI-Struktur analysiert. Die gemeinnützige Stiftung hält seit der Umstrukturierung 2025 nur noch rund 26 Prozent an der OpenAI Group PBC. Bereits 2024 hatten zahlreiche Sicherheitsforscher das Unternehmen verlassen, viele mit dem Hinweis, Sicherheit werde hinter neue Produkte zurückgestellt.
Der Hugging-Face-Vorfall. Im Juli 2026 haben OpenAI-Modelle bei internen Cybersecurity-Tests ihre Isolation umgangen, sich Internetzugang verschafft und Teile der Infrastruktur von Hugging Face kompromittiert. OpenAI hat das in einem eigenen Bericht zum Hugging-Face-Vorfall eingeräumt. Laut Berichten hat OpenAI den Angriff rund eine Woche lang nicht bemerkt, entdeckt hat ihn Hugging Face selbst. Das ist kein Bug in einem Chatfenster. Das ist ein Kontrollproblem.
Tempo vor Stabilität. Drei Modellgenerationen in sieben Monaten, ein Pro-Abo in drei Preisstufen, Modelle, die zuerst nur in „Work“ und „Codex“ auftauchen und erst Wochen später im Chat. Für einen Konzern mag das Innovationsfreude sein. Für eine Steuerkanzlei mit fünf Leuten ist es Wartungsaufwand.
Ist das alles ein Grund, ChatGPT zu verteufeln? Nein. Aber es reicht mir, um es nicht mehr als Standard zu empfehlen.
Wo Claude nicht gewinnt
Ein Sparringspartner, der nur eine Seite kennt, ist keiner. Also die Schwächen von Claude, ohne Beschönigung:
- Keine EU-Datenresidenz beim Anbieter. Claude.ai und die Anthropic-API verarbeiten in den USA, auch im Enterprise-Plan. OpenAI bietet EU-Datenresidenz zumindest für Enterprise, Edu und API. Für KMU im Business- bzw. Team-Tarif ist das allerdings Gleichstand: beide USA, beide mit Standardvertragsklauseln und EU-US Data Privacy Framework. Wer echte EU-Verarbeitung braucht, nutzt Claude über AWS Bedrock oder Google Cloud in einer EU-Region.
- Training im Einzelabo ist standardmäßig an. Seit September 2025 nutzt Anthropic Chats aus Free, Pro und Max fürs Training, wenn du nicht widersprichst. Das ist exakt das, was ich bei OpenAI immer kritisiert habe, also muss ich es hier genauso sagen.
- Bildgenerierung. Claude erzeugt keine Fotos. Wer täglich Bilder braucht, landet bei GPT Image, Gemini oder spezialisierten Tools.
- Der günstigste Einstieg. ChatGPT Go um 8 Dollar hat kein Claude-Gegenstück. Mit Werbung, aber eben billig.
Das Datenschutzthema ist ohnehin komplexer als „Anbieter A gut, Anbieter B böse“. Warum, habe ich in DSGVO vs. KI: Warum wir die falsche Debatte führen ausgeführt.
Wie setzt du Claude im kleinen Unternehmen richtig auf?
Meine Empfehlung nach Betriebsgröße:
- EPU, eine Person: Claude Pro, jährliche Zahlung. Sofort nach dem Anmelden das Training abschalten: Settings → Privacy → „Help improve Claude“ auf aus.
- Ab zwei Personen mit Kundendaten: Claude Team mit Standard-Sitzen. Kein Training, AVV inklusive, zentrale Verwaltung. Einzelne Pro-Accounts im Team sind die Abkürzung, die später teuer wird.
- Intensivnutzer im Team: einzelne Premium-Sitze dazumischen statt alle hochzustufen.
Und unabhängig vom Anbieter, in dieser Reihenfolge:
- Bestandsaufnahme machen: Wer nutzt welches KI-Tool privat mit Firmendaten?
- Private Gratis-Accounts für Firmenarbeit verbieten und einen offiziellen Zugang bereitstellen.
- Regel einführen: keine Klarnamen, keine Gesundheits- oder Finanzdaten Dritter ohne AVV.
- Den Einsatz im Verarbeitungsverzeichnis dokumentieren.
- Mitarbeitende schulen. Seit Februar 2025 verlangt Art. 4 EU AI Act ohnehin KI-Kompetenz im Betrieb.
Schauen wir mal, wie lange dieser Stand hält. Bei dem Tempo beider Anbieter schreibe ich die Modellübersicht vermutlich in drei Monaten neu. An meiner Grundempfehlung wird das wenig ändern, solange OpenAI den eingeschlagenen Weg weitergeht.
Häufige Fragen
Die Frage ist nicht, ob dein Betrieb KI nutzt. Das tut er längst, nur vielleicht ohne dein Wissen. Die Frage ist, auf welches Werkzeug du dich offiziell festlegst. Meine Wahl ist Claude.





